„Kein Examen ohne Kowi“ | Lokalrunde

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Tamina Friedl Ressortleiterin Kultur & Literatur

Was wäre Passau ohne die Gastronomie? Ohne Cafés mit gemütlichen Sesseln, großen Kuchenstücken und Tischen draußen am Kopfsteinpflaster in den Gassen der Altstadt? Ohne Restaurants, in denen laut gelacht wird, jede Woche Stammtische jeder Art ausgetragen werden und Einheimische und Studierende zusammenkommen? Ohne Bars mit guter Musik, guten Drinks und noch besserer Gesellschaft? Gerade jetzt, so sehr wie nie, merken wir, wie viel Platz die Gastronomie in unserem Alltag normalerweise einnimmt. Und sei es nur für den kurzen Kaffee zwischen Vorlesungen: die Lokale dieser Stadt sind einfach immer für uns da. Doch wer steckt eigentlich hinter diesen Cafés, Restaurants und Bars, in denen wir sonst so viel Zeit verbringen? Wie sind diese Lokale entstanden? Und welche Geschichten von früher warten nur darauf, an die nächste Generation weitergegeben zu werden? blank online schaut in der neuen Reihe Lokalrunde für Euch hinter die Kulissen der Passauer Gastronomie.

Los geht’s im Café Kowalski

 


 

Die Neonreklame über der Bar leuchtet blau: Café Kowalski. Der Stammtisch steht in seiner Nische, da wo früher noch die Schenke war. Draußen unter der Terrasse fließt der Inn vorbei, der Dom ragt über den Dächern hervor. Über der Siebträgermaschine an der Bar steht das silberne Sparschwein, das der Mittagsstammtisch befüllt, wenn die Stammtisch-Regeln gebrochen werden. Über der Treppe tickt dieselbe Uhr, die dort vor dreißig Jahren schon hing. Irgendwie ist im Kowalski die Zeit stehen geblieben. Auf die best-mögliche Art. Wenn man das Lokal betritt, hat man das Gefühl, als wäre man im Wohnzimmer eines guten Freundes angekommen, bei dem man schon hunderte Male zu Besuch war. Irgendwie hat man sofort Bilder im Kopf. Von Abenden mit Freunden, an denen es im Kowi noch vorm Clubbesuch eigentlich viel schöner war. Von Familienfesten und Geburtstagen mit Luftschlangen auf den Tischen und einem Schokomuffin fürs Geburtstagskind. Von Sommerabenden auf der Terrasse, irgendwann in Decken eingewickelt, weil es eigentlich doch schon viel zu kalt ist, aber auch noch viel zu früh, um nach Hause zu gehen. Vom Weißwurstfrühstück an Heiligabend, das schon mal bis Nachmittag dauert. Egal ob Einheimische oder Zugereiste, alteingesessene Passauer oder Studenten, Familien oder ganze Gruppen von Freunden, es gibt kaum jemanden in Passau, dem das Kowi völlig fremd ist. Und wenn Familie Mühlbauer über ihr Lokal spricht, wird schnell klar, warum das so ist.  

Als sich Uli Mühlbauer 1989 zusammen mit Bernd Rose die Räumlichkeiten ansah, in denen sich heute das Café Kowalski befindet, war das ganze Gebäude noch eine Pension mit angeschlossenem Gasthof. Der Gasthof Grauer Hase hatte damals noch wenig Ähnlichkeit mit einem Lokal, das eine junge Zielgruppe ansprechen sollte. Aus der ursprünglich geplanten, kurzen Renovierung wurde schließlich eine einjährige Baustelle. „Es haben sich dann doch einige Überraschungen ergeben“, erzählt Mühlbauer heute schmunzelnd. Darunter: ein einstürzendes Gewölbe, ein schiefer Speisenaufzug und ein alter Herd, den nicht einmal ein Kran entfernen konnte. Eine ganze Menge an Hindernissen mussten die beiden Gastronomen bewältigen, ehe schließlich das „erste sahnetanten-freie Café Passaus“ eröffnen konnte. Das meine er vollkommen wertfrei, so Uli Mühlbauer. Im Endeffekt war dieser Titel, der damals auf die Einladungskarten zur Eröffnung gedruckt war, lediglich eine Umschreibung dafür, dass das Kowalski ein Lokal für junge Passauer sein sollte. Im ersten halben Jahr nach der Eröffnung blieb die Kundschaft jedoch erstmal aus. „Die Passauer sind mit der Architektur nicht gleich klar gekommen“, so Mühlbauer. Zum damaligen Zeitpunkt gab es in Passau viele etablierte Cafés im Wiener Kaffeehaus-Stil. Da habe das Kowalski auf manche anfangs wie eine Bahnhofshalle gewirkt. Erst nach und nach, mit Unterstützung von Ulis Tante Renate und einer Verbesserung der Küche, wagten sich mehr Passauer in das neue Lokal. 

„Der dauerhafte Erfolg ist auch durch unsere Feste entstanden, die irgendwann zu Institutionen geworden sind“, erzählt Uli Mühlbauer. Von spanischen Festen über die erste Halloween-Party Passaus mit Grabkreuzen und Laub auf dem Boden bis hin zu den stadtbekannten Beaujolais Primeur Partys, die die jetzige Generation der Kowi-Besucher gar nicht mehr kennt. Als 1997 der Film „Titanic“ in die Kinos kam, schmiss Mühlbauer im Kowi eine Titanic-Party. Stilecht in Anzügen, mit Gepäck und Rettungsringen wurde die ganze Nacht gefeiert. Auch eine riesige Torte in Form der Titanic gab es und um drei Uhr morgens, etwa zu der Zeit, zu der die echte Titanic verunglückt war, brach die Torte in der Mitte auseinander. Schuld war jedoch kein Showeffekt. Es war einfach nur zu warm. 

Plötzlich gingen jung und alt im Kowalski aus und ein, und das nicht nur abends. „Mittlerweile gibt es uns 30 Jahre, da kann man fast sagen, dass drei Generationen zu uns kommen. Die einen noch im Kinderwagen und an der Hand, die zweite Generation schon ganz normal und die dritte, also meine, ist uns auch zum Teil noch erhalten geblieben.“ Natürlich sammeln sich in 30 Jahren so einige Geschichten an, über die Familie Mühlbauer auch heute noch lacht. Uli selbst ist dabei ein Gast besonders in Erinnerung geblieben. Es kommt immer wieder vor, dass sich Gäste ein kleines „Souvenir“ aus einer Kneipe mitnehmen. So fehlen auch im Kowalski ab und an Ramazzotti-Gläser, Aschenbecher oder Zuckerstreuer. „Das Beste war aber, als ein sogenannter Stammgast die Sache soweit auf die Spitze getrieben hat, dass er gemeint hat, ihm würde mittlerweile ein Barhocker gehören…und den nimmt er jetzt einfach mit“, erzählt Uli. Bis zum Ausgang hat es der Gast mit dem Barhocker aber nicht geschafft. Auf der Treppe hat ihn Mühlbauer erwischt. 

Tochter Emma hat von den 20 Jahren ihres Lebens einen großen Teil im Kowalski verbracht. Von den vielen Erlebnissen im Lokal war für sie jedoch eines besonders prägend: das Hochwasser 2013. Auch das Kowi war damals stark betroffen. Am meisten erinnert sich Emma aber an den geradezu familiären Zusammenhalt, der sich nicht nur im Team, sondern auch mit den Nachbarn und Stammgästen bildete. Jeder packte mit an, sodass das Lokal schon nach kurzer Zeit wieder öffnen konnte. „Das hat mir gezeigt, dass das alles zu Passau gehört und hier mehr dahinter steckt als nur das Lokal“, so Emma.

Dahinter steckt auch Emmas Mutter Gaby. Sie ist Herz und Seele des Cafés und hält den Laden zusammen. Unermüdlich und immer gut gelaunt ist sie, egal zu welcher Tageszeit, im Kowalski anzutreffen. Hätten sich Uli und Gaby nicht kennengelernt, gäbe es das Kowi heute wahrscheinlich nicht mehr…und Uli hätte eine ganz andere Karriere eingeschlagen: „Sonst wäre ich heute vielleicht Tauchlehrer auf den Malediven“, mutmaßt Uli lachend. Trotz seiner familiären Wurzeln in der Gastronomie war sein Gedanke nämlich eigentlich immer, mit 40 Jahren aus Passau weg zu sein, um sich wieder etwas Neuem widmen zu können. Stattdessen führen Gaby und er nun gemeinsam das Lokal und auch Tochter Emma arbeitet regelmäßig im Service des Familienbetriebs. Emmas jüngere Schwester Luna ist ebenso im Kowi aufgewachsen wie sie selbst. „Es war immer wie ein zweites Wohnzimmer für mich“, sagt Emma heute. Das Team und auch die Stammgäste seien für sie so etwas wie eine Familie. 

„Kein Examen ohne Kowi“, so würde Uli Mühlbauer einem Erstsemester, der gerade erst nach Passau gekommen ist, das Kowi in einem Satz beschreiben. Irgendwann verschlägt es jeden, der in Passau lebt, mindestens einmal in dieses Lokal, in dem Gewölbe einstürzten, Schiffe verunglückten und Barhocker (fast) gestohlen wurden. Ein Glück, dass Uli nie Tauchlehrer auf den Malediven geworden ist. Denn ohne Familie Mühlbauer würde Passau ein Wohnzimmer fehlen.

Fotos und Text: Tamina Friedl