Klimazerstörung – Deutschland auf der Anklagebank

Justizdrama „Ökozid“ im Ersten – Eine Filmkritik

Sommer 2034: Während in den Wäldern Brandenburgs und Berlins ein Jahrhundertfeuer wütet, sitzt Bundeskanzlerin Angela Merkel als Zeugin vor Gericht. Das Gedankenexperiment beschreibt erfolgreich und mit Star-Besetzung ein düsteres Szenario für Deutschland und die Welt und bildet somit den Höhepunkt der ARD-Themenwoche „Wie Leben“.

 

Der Klimawandel ist zu einer globalen Katastrophe geworden. Dürren, Hochwasser und Orkane beschreiben das tägliche Bild der Nachrichten. Besonders betroffen von Hunger und Flucht sind die Menschen in den ärmeren Südstaaten. 31 Länder klagen nun vor dem Internationalen Gerichtshof gegen die Bundesrepublik. Dieser tagt in einem improvisierten Zelt in Berlin, da Den Haag bereits zum dritten Mal in Folge überschwemmt wurde. Zwischen Klimaanlagen, hitzeabweisenden Vorhängen und Wasserspendern verkündet der Richter die Anklage: „Nach Auffassung der Kläger hat die Bundesrepublik Deutschland durch Abschwächung und Blockade europäischer Klimaschutzvorgaben ihre völkerrechtliche Pflicht verletzt, einer Erhöhung der weltweiten CO2-Konzentration entgegenzuwirken.“ Harte Worte, die jedoch nicht so realitätsfern sind. Der vielfach preisgekrönte Regisseur Andres Veiel ist bekannt für seine Dokumentar- und Spielfilme, die Realität und Fiktion verbinden. Daher basiert das Justizdrama „Ökozid“ auf der Auswertung von Originaldokumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Jahr 2020, die von Fachberatern überprüft wurden. Als Hauptquelle des Fernsehfilms gilt eine Doktorarbeit, die den Einfluss deutscher Lobbyisten auf die Einführung des Emissionshandels untersucht. „Die Idee zu diesem Projekt entstand in unmittelbarer Reaktion auf die bayerische Landtagswahl 2018, bei der Die Grünen 17,6 Prozent der Stimmen geholt hatten“, so Martina Zöllner, RBB-Film- und Dokuchefin für das Redaktionsteam. Das Team rund um Veiel fragte sich, warum grüne Grundüberzeugungen nun mehrheitsfähig geworden sind. Zunächst als Dokumentarfilm geplant, wurde das Genre kurzerhand zu einem Fernsehfilm abgeändert, der uns mittels eines Zukunftsszenarios einen Spiegel vorhält. Veiels Message ist klar: Handelt jetzt, bevor es zu spät ist.

 

Edgar Selge in der Rolle des souveränen Richters Hans-Walter Klein
Edgar Selge in der Rolle des souveränen Richters Hans-Walter Klein

Die Dringlichkeit des Themas wird unterstrichen durch die großartige Besetzung des Schauspielerensembles. Neben Nina Kunzendorf, die eine erfahrene ältere Juristin spielt (Wiebke Kastager), kämpft vor allem Friederike Becht (Larissa Maybach) als Ex-Aktivistin und junge Anwältin kompromisslos für Moral und Gerechtigkeit. Mit Herzblut und scharfen Worten kritisiert sie im Namen der 31 Klägerstaaten die Bundesregierung und wirft ihr vor, Umweltpolitik über Jahrzehnte blockiert zu haben, um die deutsche Wirtschaft zu schützen. Auf der Gegenseite verteidigt Ulrich Tukur als Victor Graf die Bundesrepublik im Allgemeinen und Merkel (gespielt von Martina Eitner-Acheampong) im Speziellen. Obwohl die Besetzung phänomenal ist, die Schauspieler sichtbar präsent hinter ihren Figuren stehen und diesen dadurch eine große Glaubwürdigkeit verleihen, langweilt die dauerhaft gezeigte Rivalität zwischen den beiden Anklägerinnen. Ein kritischer Seitenblick von Wiebke Kastager, ein bissiger Kommentar von Larissa Maybach. Dass sich die beiden nicht sonderlich gut verstehen, wird dem Zuschauenden schnell klar. Doch den Grund, warum die beiden Frauen auf der Verteidigerseite im Verlauf des Prozesses immer mehr gegeneinander statt miteinander arbeiten, bleibt dem Rezipienten unklar. Auch Edgar Selge, in der Rolle des souveränen Richters Hans-Walter Klein, hatte bereits größere schauspielerische Glanzmomente. Seit dem Jahr 2000, als er seine erste Auszeichnung, den Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller in „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, erhielt, folgten zahlreiche weitere Nominierungen und Preise. Zuletzt gewann er den Rolf-Mares-Preis für seine Darstellung des François in „Unterwerfung“. In „Ökozid“ beläuft sich seine schauspielerische Qualität auf das Heben der Augenbraue und einer dauerhaft gerunzelten Stirn.

Während die die Binnenhandlung rund um den Prozess wirklich gut gelungen ist, wirkt die Rahmenhandlung des Internet-Nerds, der im Auftrag der Bundesregierung Audiodateien des Prozesses verfälscht und so Fake News in den Sozialen Medien verbreitet, irritierend und irrelevant für die Geschichte. Zu zeigen, dass es die Bots und Troll-Armeen in den Sozialen Medien sind, die das Meinungsklima der Gesellschaft bestimmen, ist zwar wichtig, jedoch weicht es von der eigentlichen Thematik ab. Genauso steht es um die alte Liebesgeschichte zwischen Verteidiger Victor Grad und Anklägerin Wiebke Kastager. Zwar wird sie im Film lediglich angeschnitten, wirkt allerdings auch eher fehlplatziert in dem dramatischen Prozess. Die zwischendurch eingefügten Original-Interviews und Nachrichten sind dagegen gut gelungen, denn sie verdeutlichen, wie realitätsnah der Film ist. Selbst die Ausstattung wurde bis ins kleinste Detail durchdacht. Sogar Hinweise auf die Folgen der Coronapandemie sind erkennbar, Plastikwände trennen die Schauspieler im Gerichtssaal, um eine Ansteckung zu vermeiden.  Die Dreharbeiten begannen in der zweiten Juniwoche 2020, sieben Wochen später als geplant und dauerten nur 19 Tage.

 

links: Nina Kunzendorf; rechts: Friederike Becht

Zentrales Thema der Ankläger*innen ist der Vorwurf, die deutsche Politik habe die in Brüssel beschlossen Klimaschutzziele nach 2000 wirksam sabotiert, um die eigene Industrie zu schützen. Frühere Industrievertreter*innen, genauso wie Landwirt*innen, NGO-Sprecher*innen und Politiker*innen werden als Zeug*innen aufgerufen. Diese belegen, wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder ein europäisches Emissionshandelssystem verzögerte, welches als effektives Mittel zur CO2-Einsparung hätte führen können. Im Film bleibt Schröder selbst dem Gericht allerdings fern, da er sich aus gesundheitlichen Gründen in einer Kur in Russland befindet. Unverblümt stellt Veiel die allseits geliebte Autoindustrie der Deutschen sowie Kanzlerin Merkel an den Pranger. Seine Kritik: BMW und Daimler seien zu lange vor Klimaregulierungen verschont geblieben. „Ökozid“ zeigt, dass SUVs erst im Jahr 2005 auf den Markt kamen und das, obwohl sie 50% mehr Sprit als vergleichbare Kompaktfahrzeuge verbrauchen. Zu diesem Zeitpunkt waren SUVs eigentlich bereits komplett technisch überholt. Da sie aber als Cashcow der Autokonzerne gelten, so der Film, wurde einfach ein passendes Energieeffizienzlabel geschaffen. Filmisch wird die Kritik wie folgt zusammengefasst: „Die Berechnung des CO2-Grenzwertes wurde an das Fahrzeuggewicht gekoppelt: Je schwerer ein Fahrzeug ist, desto mehr CO2 darf es ausstoßen.“ Von den umweltpolitischen Versäumnissen seitens der Regierung überzeugt, versuchen die Ankläger*innen alles, um Deutschland nicht verschont aus diesem Prozess kommen zu lassen. Denn, das Urteil wäre ein Präzedenzfall: Wird Deutschland zum Schadensersatz verurteilt, können sich künftige Gerichte auf dieses Urteil berufen. Die Anklägerinnen berufen sich auf das in Artikel 6 der UN-Konventionen verbürgte „Recht auf Leben“ und leiten daraus ein Recht auf die Unversehrtheit der Natur ab. – Ein unrealistisches Szenario? Überhaupt nicht.

„Ökozid“ ist ein klug durchdachtes Zukunftsszenario, das uns die Konsequenzen des Nichthandelns drastisch vor Augen führt. Am Ende steht der Ruf nach einem Politiker-Typus, der sich nicht von kurzfristigen Erfolgen leiten lässt, sondern auch vorrausschauend seiner Verantwortung gerecht wird – zum Wohle aller. Der Fernsehfilm ist neben dem Appell an die Gesellschaft, klimabewusster zu agieren, vor allem ein Appell an die Entscheidungsträger, die Auswirkungen der drohenden Klimakatastrophe wenigstens noch einzudämmen. Das hochspannende und authentische Gerichtsdrama wirft all die großen Fragen auf: Hätte Merkel eine strengere Umweltpolitik verfolgen sollen und somit das Risiko eingehen sollen, die nächste Wahl zu verlieren? Darf die Politik uns in unserem Grundrecht auf Freiheit einschränken, um die Umwelt zu schützen? Nicht das Gericht, sondern eine einsichtige Angeklagte spricht zuletzt das Urteil – gegen sich selbst.

 

Bildquelle: Das Erste