Die Intelligenz des Unbewussten

Stehen wir im Supermarkt vor dem scheinbar unendlichen Regal mit den Marmeladen, drehen wir in den seltensten Fällen jedes Glas einzeln um und lesen die Rückschrift. Stattdessen greifen wir beherzt nach Bauchgefühl zu. Das gleiche Prinzip wiederholt sich in unserem Alltag bei der morgendlichen Klamottenwahl, dem Mittagessen in der Mensa, der Schlummertaste oder gar bei dem Gang durch die rechte oder die linke Flügeltür eines Gebäudes. Ganz ohne Anstrengung treffen wir am Tag bis zu 20.000 Entscheidungen, meistens in enormen Tempo. Unser innerer Autopilot ist dauerhaft in Betrieb, und spart uns viel Zeit.

Doch geht es um wichtige Entscheidungen, schreiben wir lieber lange Pro und Contra Listen, wägen Argumente gegeneinander ab, und kommen nach langem Nachdenken schließlich zu einem Ergebnis. Diese Prozedur nennt der amerikanische Politiker und Naturforscher Benjamin Franklin (1706-1790) auch „Moralische Algebra“. 

Wir betreiben „Moralische Algebra“

Diese vereinfacht die Entscheidungsfindung, ist jedoch sehr zeitaufwändig. Und dementsprechend auch nicht tauglich für die immense Anzahl an Entschlüssen, die wir täglich fassen. Daher greifen wir zurück auf nicht rational vermittelte, unbewusst erschlossene und angewendete Regeln, durch die beinahe alles in unserem Alltag funktioniert. Die so genannte Intuition.

Den Großteil unserer alltäglichen Entscheidungen treffen wir intuitiv.

Intuitiv, das heißt unbewusst oder auch „aus dem Bauch heraus“. Scheinbar bevor sich unser Verstand einschaltet, hat unser Unterbewusstsein bereits eine Entscheidung für uns getroffen. Doch wie ist das möglich? 

Bekanntermaßen meint der Mensch nur zu oft, er sei schlauer als ein banales „Bauchgefühl“. Das ist schließlich nichts Greifbares, nichts Handfestes. Der scharfe Verstand hingegen, der sich auf Logik und Fakten bezieht, der ist verlässlich. 

Womöglich ist dies aber ein menschlicher Fehlschluss, denn der Intuition steht eine riesige Menge an Daten zur Verfügung, auf die unser Verstand nicht zugreifen kann.

Pro Sekunde erreichen etwa elf Millionen Sinneseindrücke unser Gehirn, gerade einmal 40 davon kann unser Bewusstsein verarbeiten

Für diejenigen, die das nicht mal eben schnell im Kopf ausrechnen konnten: Das sind nicht mehr als 0.00045%. Der Rest dieser Informationen geht jedoch nicht verloren, er wird nur umgeleitet. Nämlich an unsere intuitive Intelligenz, welche die Gesamtheit dieser Informationen im Unterbewusstsein berücksichtigt und dadurch Hochgeschwindigkeitsprozesse ermöglicht. Diese immense Diskrepanz zwischen den jeweils verwendeten Datenmengen ist auch ein Grund dafür, dass eine Entscheidung unseres Verstandes nicht immer der unserer Intuition entspricht. Etwa, wenn man eine schwierige Situation beurteilen muss.

Der israelisch-amerikanische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman erklärt dieses Phänomen in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“. Ihm zufolge besitzen wir zwei verschiedene Denksysteme, ein unbewusstes und ein bewusstes. In der Forschung bezeichnet man diese auch als System I und System II.

Unser Gehirn arbeitet mit zwei unterschiedlichen Denksystemen

Unsere Intuition, also System 1, läuft automatisch ab, kostet keine Mühe, und arbeitet extrem schnell, da es elf Millionen Bits an Informationen ungefiltert verarbeitet. Das was wir hingegen als unseren analytischen Verstand verstehen, das System 2, funktioniert verhältnismäßig langsamer, ist anstrengend und mühsam. 

Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Jede Situation, in der wir uns befinden, wird automatisch innerhalb von Sekundenbruchteilen von unserer Intuition (System I) verarbeitet. Dabei schließt unser intuitives System auch bereits verarbeitete, frühere Informationen mit ein. Der Verstand (System II)  hingegen verarbeitet in der gleichen Situation nur die Informationen, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten. 

Da unsere Intuition auch frühere Informationen bei der Bewertung einer Situation miteinschließt, ist sie gewissermaßen Erfahrungswissen. Sie sammelt und speichert Informationen auf Basis bereits vergangener Situationen und erlebten Erfahrungen, um momentane Situationen mit früheren Situationen abzugleichen. Je nachdem, wie dieser Abgleich ausfällt, haben wir am Ende ein eher gutes oder schlechtes Gefühl. Diesen Abgleich nennt man in der Psychologie auch „Mustererkennung“.

Wieso fühlen sich manche Situationen falsch an?

Das klingt erstmal kompliziert, aber ein Beispiel macht es vielleicht verständlicher: Viele haben es vielleicht schon einmal erlebt, dass sie eine Person getroffen und diese als aufgesetzt empfunden haben, ohne dies wirklich begründen zu können. 

Womöglich lag es an dem Lächeln der Person: Die meisten Menschen können ein echtes von einem aufgesetzten Lächeln unterscheiden. Bei einem „falschen“ Lächeln bewegen sich die Muskeln im Mundbereich, bei einem „echten“ Lächeln zieht man die Augenbrauen nach oben. Diese Regeln verstehen wir, aber sie ist intuitiv. 

Interessant ist: „Für die Beurteilung der nonverbalen mimischen Kommunikation gibt ein spezielles Areal im Gehirn, das nur damit beschäftigt ist, bekannte Züge in Gesichtern aufzuspüren. Das Unterbewusstsein befasst sich dabei mit den winzigen Aussagen der Bewegungen von Stirn, Mund- und Augenwinkeln, die so viel mehr sagen als Worte. (Stangl, 2020).“

Übergreifend ist seitens der Wissenschaft zwar noch ungeklärt, welche Hirnareale alle bei der Intuition eingebunden sind, wie und wo Prozesse ablaufen und wie sie beeinflusst werden.

Fest steht aber: Die Intuition ist nicht nur nützlich für das Einschätzen von Menschen, um Gefühle von Gesichtern abzulesen, oder Situationen einzuschätzen.

Auch Sprache funktioniert sehr intuitiv

Das beste Beispiel hierfür ist ein 4-jähriges Kind: Es befolgt mühelos grammatikalische Regeln, obwohl es sie noch gar nicht kennt. Als Erwachsener weiß man, wie schwierig es ist, grammatikalische Regeln einer Fremdsprache zu erlernen und anzuwenden. Man muss mühsam Vokabeln pauken und komplizierte Konstrukte einstudieren. Kindern fällt das, wie man so schön sagt, kinderleicht. Und das obwohl sie in diesem Alter meist weder lesen noch komplizierte Grammatik verstehen können.

Auch andere überlebenswichtige Fähigkeiten beruhen auf unserem evolvierten Gehirn und der damit verbundenen Intuition. Dazu zählen etwa Wiedererkennung, Gedächtnis, Nachahmung, Emotionen, oder auch die Fähigkeit, einen Ball im Laufen zu fangen. Wir berechnen nämlich nicht die Wurfgeschwindigkeit des Flugobjekts, sondern fixieren den Ball und passen unsere Laufgeschwindigkeit so an, dass der Blickwinkel konstant bleibt. Das passiert automatisch.

Die Intuition ist also kein sechster Sinn, keine hellseherischer Kraft und auch nicht mystisch oder übernatürlich. Stattdessen ist sie eine weitere Form von Intelligenz auf einem Level, auf das wir mit unserem Gehirn nicht wirklich zugreifen können.

Der Psychologe Gert Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung) formuliert dies so: „Viele Bereiche unseres Gehirn sind der Sprache nicht mächtig. Dennoch findet sich dort sehr viel Information, die dort gespeichert ist. Wenn wir also nur dem Recht geben, was wir sprachlich begründen können, dann würden wir sehr viel verlieren.“

Weibliche Intuition? Die gibt’s nicht

Und, um mal mit einem weiteren Klischee aufzuräumen: „Sie ist auch nichts, was nur Frauen haben“, so Gigerenzer, „nur Frauen sind oft ehrlicher und trauen sich mehr, das zuzugeben.“ Ehrlicher soll dabei heißen, eine Entscheidungen nach Bauchgefühl nicht im Nachhinein zu leugnen oder Angst zu haben, sich zu dieser öffentlich zu bekennen.

Vermutlich hat sich dieses Klischee aus der jahrhundertelangen Denkweise entwickelt, Männer seien logisch, Frauen gefühlsbetont, also intuitiv. Ein psychologischer Versuch von Richard Wiseman im Rahmen eines Science-Festivals von 2005 ergab jedoch: Das ist Quatsch! 15.000 Teilnehmern wurden Fotos von lachenden Personen gezeigt, und sie sollten einschätzen, ob das Lachen echt oder falsch ist. Zuvor schätzten sich 77% der Frauen und als 58% der Männer selbst als intuitiv ein. Die Ergebnisse zeigen allerdings, dass sich die Geschlechter nicht wirklich in ihren Fähigkeiten unterscheiden. Die Studie fiel sogar zu Gunsten der Männer aus: 72% von ihnen erkannten das richtige Lachen, Frauen nur 71%.

Die eigentliche Frage ist nun jetzt:

Wann ist es besser, auf das Bauchgefühl zu hören, wann auf seinen Verstand?

Nun, bei Dingen, die sich eher für unser analytisches Denken eignen, wie etwa dem Lösen einer mathematischen Gleichung, ist System II, unser Verstand, die bessere Option. Da kommt es auf Logik und Genauigkeit an. Sobald es aber zu komplexeren Problemen kommt, sei es die Partnerwahl oder andere Dinge mit hochgradiger Ungewissheit, reichen Berechnungen nicht aus. Die Intuition hilft einem dabei, Komplexität zu reduzieren, dafür ignoriert sie sogar manche Informationen.

In einem Versuch stellte Professor Gigerenzer deutschen und amerikanischen Studenten die Frage: „Welche Stadt hat mehr Einwohner, San Diego oder San Antonio?“. Das Ergebnis überraschte, denn die deutschen Studenten konnten die Frage häufiger richtig beantworten, da sie von der anderen Stadt im Gegensatz zu ihren Kollegen noch nie gehört hatten. Sie folgten dabei der unbewussten Faustregel: Die bekannteste Stadt ist wahrscheinlich auch die größere.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Ungenaues Wissen kann auch richtig sein.

Allerdings sollte man sich auch nicht ausschließlich auf sein Bauchgefühl verlassen und den Verstand außer Acht lässt. So sagte schon der französische Dichter Paul Valery: „Intuition ohne Intellekt ist ein Unglück.“

Da unsere Intuition auf unseren Erfahrungen beruht, ist diese somit auch zu einem gewissen Grad voreingenommen. Psychologe Gigerenzer befragte bei einer seiner Untersuchungen Drogenfahnder, die einzelne Personen aus riesigen Menschenmassen am Flughafen heraus suchten. Auf die Frage, nach welchen Kriterien sie diese Menschen auswählen würden, konnten sie keine konkrete Antwort geben, die meisten sagten: Nach Gefühl. Dieses habe sich nach jahrelanger Übung und Tätigkeit in dem Beruf entwickelt.

Gigerenzer zog daraus den folgenden Schluss:

„Wenn Sie auf einem Gebiet wenig Erfahrung haben, dann sollte Sie sich nicht auf die Intuition verlassen. Wenn Sie viel Wissen haben, dann schon.“

Kann ich mich also nicht auf meine Intuition verlassen, wenn ich zu wenig Kenntnisse oder Vorerfahrung habe? Die Linzer Psychologin Dr. Regina Obermayr-Breitfuß sieht das kritisch: „Intuition versagt nie. Große Erfindungen sind oft über intuitive Träume gekommen, weil wir in der Nacht auch mit dem Geistigen verbunden sind. Und wenn uns die Intuition etwas sagt, dann liegt sie nie falsch.“  Sie bezeichnet die Intuition als eine innere Spürnase oder auch als angeborenes Periskop.

Die Meinungen von Experten gehen unter diesem Aspekt so weit auseinander, dass sich vielleicht nur ein gesunder Mittelweg finden lässt: Vertrauen ja, aber nicht blindlings. Die Intuition nicht unterschätzen, aber den Verstand auch nicht überschätzen. Bei einem Ausgangsproblem sollten wir zuerst unsere innere Stimme zu Wort kommen lassen und dann überprüfen, ob wir genug Erfahrung auf dem Gebiet haben, um auf das Bauchgefühl zu hören.

Wir halten fest: Vernunft und Bauchgefühl erscheinen als Gegensätze, dabei werden alle Entscheidungen im Gehirn getroffen. Die einen bewusst, analytisch, die anderen unbewusst. Beide sind wichtig. In unserer Gesellschaft wird die rationale Entscheidung allerdings höher bewertet. 

Die Intuition bekommt im westlichen Kulturkreis oft nicht die Wertschätzung, die sie verdient

Denn die Vorteile der Intuition stellen gleichzeitig ihre Nachteile dar: Zwar müssen wir uns nicht erst lange den Kopf zerbrechen, um zu einem Schluss zu kommen, und „fühlen“ einfach welche die richtige Entscheidung ist. Doch dann laufen wir auch Gefahr, eben diese Entscheidung im Nachhinein nicht begründen zu können. Gerade im Beruf kann das Schwierigkeiten mit sich bringen. Ein schlechtes Ergebnis können wir dann nicht mit den messbaren Fakten und Zahlen entschuldigen, die wir uns zuvor so schön zurecht gelegt haben, sondern müssen Verantwortung für eine Bauchentscheidung übernehmen. Und wir leben nun leider in einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen Verantwortung tragen möchten. 

Einstein sagte einmal:

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“

Geschenke, die haben wir schon immer gerne angenommen, vom Weihnachtsmann, vom Osterhasen, von der Zahnfee. Inzwischen sind wir ja einem Alter, in dem wir uns sogar über Socken freuen.

Wieso also hadern wir so sehr damit ein Geschenk anzunehmen, das von uns selbst kommt und uns in so vielen Bereichen unterstützen, wie auch das Leben erleichtern kann?

Mein Tipp – Einfach mal auf’s Bauchgefühl hören.

 

 

 

 

Illustration: Lisa Miethke