Die Erschöpfungsgeschichte – warum wir nachhaltige Landwirtschaft brauchen

Die derzeitige Entwicklung der Landwirtschaft stammt wohl eher von einem Wirtschaftsland als einem Land(schafts)wirt. Oder anders gesagt: Die Wirtschaftlichkeit steht im Vordergrund. Darunter leidet die Natur und damit letztlich auch wir und unsere Nachkommen. Und langfristig gesehen ist nichts an der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen wirtschaftlich.

Mit dem Pariser Klimaabkommen einigten sich vor rund fünf Jahren 195 Länder (und damit fast alle) auf das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5°C gegenüber der Zeit vor der Industrialisierung zu begrenzen. Das Überschreiten von 1,5 Grad Erwärmung birgt laut Weltklimarat (IPCC) hohe Risiken der Erreichung von Klimakipppunkten, ab denen viele der komplexen Ökosysteme wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen und kollabieren könnten, womit die globale Erhitzung und der Meeresspiegel unkontrolliert immer weiter steigen würden. Extremwetterereignisse träten dann häufiger auf, wir würden unsere Gesundheit, aber auch unsere Wirtschaft gefährden sowie Wasser- und Nahrungsmittelknappheit in vielen Regionen verschärfen. Die Folgen wären aller Wahrscheinlichkeit nach Naturkatastrophen, Armut, Migrationswellen, Verteilungskriege und Epidemien – neben vielen weiteren, die wir uns sicherlich nicht wünschen.

Um das 1,5-Grad-Ziel aber zumindest mit einer Chance von 50 Prozent – also mit der Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Münzwurfs – nicht deutlich zu übersteigen, läge Deutschlands verbleibendes CO2-Budget anteilig laut Sachverständigenrat für Umweltfragen insgesamt bei 4,2 Gigatonnen. Die Bundesregierung plant derweil 7,5 Gigatonnen Emissionen allein bis 2030 und damit eine Überschreitung der Emissionsgrenze sowie eine Verletzung des Pariser Klimaabkommens noch in den kommenden Jahren.

Die Landwirtschaft ist laut Umweltbundesamt für etwa sieben Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich, zu einem Großteil wegen der Methan-Emissionen aus dem Verdauungstrakt von Kühen. Sieben Prozent – das klingt erstmal nach gar nicht so viel. Klar, Energiewirtschaft, Verkehr und Industrie tragen wesentlich mehr zu den direkten CO2-Emissionen bei als die Landwirtschaft. Dennoch machen sieben Prozent einen erheblichen Unterschied. Vor allem aber: Die direkten CO2-Emissionen sind nicht das einzige Problem.

Die Landwirtschaft greift nämlich wie kein anderer Sektor – außer vielleicht der Kohleindustrie – in Naturlandschaften ein. Denn wo man einen Acker haben will, kann man einen Wald oder ein Moor nicht gebrauchen. Felder und andere vergleichsweise unbewachsene Landschaften sondern in Prozessen der Verdunstung, Erosion und der Staubbildung per se schon Treibhausgase ab, wie unter anderem der Weltklimarat berichtet, zusätzlich zu den Emissionen aus der Bewirtschaftung. Außerdem wird durch die Art der Bewirtschaftung verhindert, dass dort Bäume und andere Pflanzen wachsen, die große Mengen CO2 absorbieren sowie speichern können und eine Erwärmung der Umgebung verhindern. Hinzu kommt in Deutschland unter anderem der immense Pestizideinsatz, die Verödung des Bodens durch Monokulturen, die Zerstörung des Nitrathaushalts durch Überdüngung und die Verbreitung multiresistenter Keime. Auch diese Faktoren haben Einfluss auf unsere Umwelt und intensivieren weiter die derzeitige ökologische Krise: Sie tragen zum Klimawandel bei und treiben das Artensterben weiter voran.

Tatsächlich ist laut einem Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) von vor einem Jahr die industrielle Landwirtschaft die Hauptursache des Artensterbens. Klar ist dabei inzwischen: Wo wir in ein komplexes Ökosystem eingreifen bzw. Teile davon herausschneiden, löst das ungeahnte Kettenreaktionen aus: Wenn beispielsweise die Bienen aussterben, wer bestäubt dann die Bäume? In Teilen Chinas machen das heute schon in mühsamer Kleinstarbeit Menschen mit Pinseln – doch das wäre auf deutschem Lohnniveau unbezahlbar und mal ehrlich: auch keine schöne Zukunftsperspektive!
Überall auf der Welt sind Insekten (unter anderem Bienen) heute schon mit am meisten von den sich verändernden Umweltbedingungen betroffen: In den letzten 30 Jahren ist die Anzahl der Insekten Experten zufolge weltweit wie auch in Deutschland um bis zu 80 Prozent gesunken. Aber es wäre falsch, zu glauben, dass nur Insekten betroffen wären – es geht vor allem auch um die großen Tiere: So ist auch die weltweite Population an Wirbeltieren (zu denen wir gehören) im letzten halben Jahrhundert um knapp 70 Prozent zurückgegangen – das bedeutet: es ist nur noch gut ein Viertel übrig!

Das alles betrifft zwar einerseits die Umwelt, die unser Lebensraum ist, aber auch direkt uns: Der Klimawandel und das Aussterben vieler Nützlinge (bestimmte Pflanzen, Bienen, Vögel) hat Auswirkungen auf die Erträge aus der Land- und Forstwirtschaft sowie auf unsere Gesundheit. Denn die Klimaveränderungen und Extremwetterereignisse werden auch uns Menschen nicht „kaltlassen“. So lassen die Daten des Statistischen Bundesamtes zu Übersterblichkeit vom vergangenen August einen unangenehmen Schluss zu: Während einer Periode, in der es außergewöhnlich heiß war – einige werden sich vermutlich noch erinnern – sind circa 5.000 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben – und das innerhalb von nur ungefähr zwei Wochen.

Deshalb hat die Grüne Bundestagsfraktion vergangenen Freitag ihre Veranstaltungsreihe zur „Zukunft der Landwirtschaft“ begonnen. Das Fazit der Auftaktveranstaltung war eindeutig und sich die geladenen Expert*innen weitestgehend einig: Es brauche mehr bäuerliche Landwirtschaft anstatt Großbetriebe und Massentierhaltung. Auch müsse gesetzlich sichergestellt werden, dass bei einer Umsetzung höherer Standards in Deutschland der Markt nicht mit Billigprodukten aus dem Ausland überschwemmt werde, wo die Standards erheblich geringer sind.

Das wären ernst zu nehmende und wirkungsvolle Maßnahmen, sofern sie denn realisiert würden. Nur schade, dass auch die Grünen ihre hehren Ziele so selten umsetzen. Es fällt offensichtlich schwer, wirkungsvollen Umweltschutz zu betreiben und gleichzeitig die nächste Wahl zu gewinnen.
Baden-Württemberg ist seit 2011 grün regiert, aber die Emissionen (sowohl insgesamt als auch in der Landwirtschaft) sind in den Folgejahren nicht nennenswert gesunken und das gerade erst verabschiedete baden-württembergische Klimaschutzgesetz bleibt sogar hinter den Klimaschutzzielen der CDU-geführten Bundesregierung zurück. Währenddessen werden in Hessen – wo die Grünen mit an der Regierung sind – derzeit große Teile eines jahrhundertealten Mischwaldes für den Autobahnbau gerodet, obwohl die Grünen Hessen sowohl die Umweltministerin als auch den Verkehrsminister stellen. Es handelt sich dabei laut Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), Campact und Greenpeace um einen „intakten, gesunden Laubmischwald, [ein] Trinkwasserschutzgebiet, das 500.000 Menschen [mit Wasser] versorgt“, so in einer Pressemitteilung letzten Novembers.

Die Veranstaltung der Grünen zur „Zukunft der Landwirtschaft“ zieht also recht nachvollziehbare, aber auch naheliegende Schlüsse. Doch obwohl in seiner Einleitung der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter das Artensterben zutreffenderweise als die „sechste Aussterbekatastrophe [der Erdgeschichte]“ bezeichnet – somit den Ernst der Lage nicht verkennt –, ist die auch nur teilweise Umsetzung der erarbeiteten Maßnahmen-Übersicht freilich sehr fraglich – selbst im Falle einer schwarz-grünen Bundesregierung ab kommendem Herbst.

Der kurzweiligste und erkenntnisreichste Teil der Gesprächsrunde rund um die „Zukunft der Landwirtschaft“ ist mit einigem Abstand der Gastvortrag des bekannten Fernsehmoderators, Arztes und Scientists for Future Dr. Eckart von Hirschhausen, der davon spricht, wie wichtig eine nachhaltige Landwirtschaft und eine qualitativ hochwertige Lebensmittelproduktion für unsere Gesundheit sei. Er nennt das Essen, das in vielen Krankenhäusern und Kantinen angeboten wird, schlicht „Körperverletzung“, plädiert als Arzt für mehr Obst und Gemüse, dafür weniger tierische Produkte in unserer Ernährung, und legt dar, dass eine verfehlte Landnutzung und Umweltschutzpolitik schon heute zum Beispiel zu mehr Allergien, Herzinfarkten, Schlaganfällen sowie in Zukunft möglicherweise auch zur Verbreitung von gefährlichen Tropenkrankheiten wie Malaria oder dem Dengue-Fieber in Europa führen wird. Das sind gewichtige Punkte; allein durch Herzinfarkte sterben in Deutschland knapp 50.000 Menschen pro Jahr. Dabei möchte sich der Fernseharzt nicht als Moralapostel aufspielen, sondern Freude an einer gesunden Ernährungs- und Lebensweise vermitteln.

Hirschhausen erklärt aber auch, was auf dem Spiel steht: „Der Klimawandel ist die größte Gesundheitsbedrohung des 21. Jahrhunderts!“, stellt er trocken fest und appelliert dafür, die aktuelle Umweltkrise anders zu kommunizieren, damit das Verständnis um die Bedrohung in der Mitte der Gesellschaft ankommt: Es sei wichtig, die persönliche Betroffenheit zu betonen; den Menschen nicht zu erzählen, irgendwelche Eisbären oder Nährstoffe im Boden sollten gerettet werden, sondern kommunizieren, dass es um sie geht – um uns alle: um unsere Gesundheit, unsere Art zu leben, unsere Kinder und unseren Lebensraum.

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