Deswegen arbeiten wir am „Tag der Arbeit“ nicht

Der 1. Mai hat viele Gesichter: Man trifft Betrunkene und Familien gleichermaßen auf Maiwanderungen, hier wird ein Maibaum am Rathausplatz aufgestellt, dort sitzen Freunde im Biergarten und auf den Straßen gibt es vielerorts Demonstrationen. Oft hört man das Schlagwort: Solidarität. Doch wieso können sich die Demonstranten nicht auch mit auf die Bierbank setzen? Wieso stehen die auf der Straße und demonstrieren? Und wieso haben wir überhaupt am 1. Mai frei?

Vielerorts ist der 1. Mai bekannt als „Tag der Arbeit“, manchmal aber auch „Tag der Arbeiterbewegung“, „Arbeiter*innenkampftag“ oder einfach „Maifeiertag“. Tatsächlich kommt der Begriff aber nicht aus Deutschland, sondern fand seinen Ursprung in den USA.

Wir befinden uns 1886 in einer Fabrikhalle in den USA. Die normale Arbeitszeit beträgt hier 11-13 Stunden, der Stundenlohn drei Dollar. Die Geschäftsleitung findet das fair, das sehen einige Arbeiterzusammenschlüsse, auch Gewerkschaften genannt, nicht so. Bald ist es Mai und das heißt, viele Arbeitsverträge laufen aus und man muss in eine andere Stadt ziehen, um weiterhin seinen bescheidenen Lebensunterhalt sichern zu können. In diese neuen Arbeitsverträge sollten dann aber nur 8 Stunden Arbeitszeit pro Tag eingetragen werden. Um diese Forderung zu verdeutlichen, rief die Arbeiterbewegung am 1.Mai einen mehrtägigen Generalstreik aus. Über 400.000 Arbeiter*innen nahmen an Demonstrationen und Kundgebungen teil, die weitestgehend friedlich verliefen. Jetzt ist der 3.Mai 1886 und wir nehmen an einer Kundgebung in Chicago teil, es ist schon spät und es sind nur noch um die 200 Menschen auf dem Platz. Plötzlich tauchen über 170 bewaffnete Polizisten auf und dann geht alles ganz schnell. Irgendjemand zündet eine Bombe, ein Polizist stirbt sofort und die anderen fangen in ihrer Panik an wild um sich zu schießen.  Sie treffen sieben ihrer Kolleg*innen und einige Arbeiter*innen, in der Massenpanik werden weitere schwer verletzt. Am nächsten Tag lesen wir in der Zeitung, dass das Kriegsrecht ausgerufen wurde. Hunderte Arbeiterübereinkünfte und Gewerkschaften werden aufgelöst, Hausdurchsuchungen durchgeführt und vorläufige Verhaftungen vorgenommen. Am Ende wurde der 8-Stunden-Tag nur in den wenigsten Betrieben eingeführt, für die Meisten gilt es weiterhin 11-13 Stunden schuften.

4 YEARS LATER

Vier Jahre dauerte es, bis die Gewerkschaften in den USA erneut zu

Streiks am ersten Mai 1890 aufriefen, weiterhin um sich für den 8-Stunden-Tag stark zu machen. Diesmal standen die USA nicht alleine am ersten Mai auf der Straße. Erstmals wurden weltweit Streiks und Kundgebungen organisiert, so auch in Deutschland. Vor allem in Berlin und Hamburg stehen die Menschen auf der Straße, statt an ihrem Arbeitsplatz und gehen auf einen „Maispaziergang“. Sie riskieren viel, denn am nächsten Tag stehen einige vor verschlossenen Türen – die Geschäftsleitung fand ihren kleinen Spaziergang gar nicht lustig. Doch mit der Arbeitslosigkeit steigt in der Weimarer Republik auch der Unmut der Bevölkerung. Im April 1919 einigten sich die Mitglieder der Reichsversammlung darauf, den ersten Mai einmalig als Feiertag „dem Gedanken des Weltfriedens, des Völkerbundes und des internationalen Arbeiterschutzes“ zu widmen. Ein kleiner Trost – die nächsten Jahren müssen ganz normal weiter gearbeitet werden.

Auch im Jahre 1920 ist der erste Mai immer noch kein Feiertag in Deutschland. Der Unmut in der Bevölkerung wächst aus den verschiedensten Gründen weiter – nicht nur in der Arbeiterklasse. Bei einem Blick in die Vergangenheit, fällt ein Meister der Instrumentalisierung Deutsches Unmutes auf: Josef Goebbels.  Mitte April 1933 notierte Goebbels in seiner Biografie „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“: „Den 1. Mai werden wir zu einer grandiosen Demonstration deutschen Volkswillens gestalten. Am 2. Mai werden dann die Gewerkschaftshäuser besetzt. Gleichschaltung auch auf diesem Gebiet (…). Es wird vielleicht ein paar Tage Krach geben, aber dann gehören sie uns.“ Zunächst ist die Freude der Arbeiter*innen groß,  an diesem 1. Mai 1933, denn endlich ist dieser zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ gekürt worden. Am zweiten Mai friert das Lachen schon wieder ein. Es passiert wie Goebbels es vorausgesagt hat: Alle Gewerkschaften werden gestürmt und gleichgeschaltet.

Trotz der düsteren Propaganda-Vergangenheit des Feiertags wurde er weiter gefeiert. Selbst 1945 inmitten der Trümmer sammelten sich ein paar übriggebliebene Sozialdemokraten und schenkten sich gegenseitig ein müdes Lächeln – Solidarität sichert unsere Zukunft.

Auch im gespaltenen Deutschland erhielt sich der Feiertag – wenn er sich auch in verschiedene Richtungen entwickelte. In der DDR stand weniger der Kampf um soziale und politische Rechte, sondern das Bemühen um wirtschaftlichen Fortschritt im Mittelpunkt der Kundgebungen. Später entwickelte sich das Ganze zu voll ausgearbeiteten Militärparaden. In der BRD traten nun auch Musiker und Künstler während den Kundgebungen auf und verwandelten den Feiertag in ein Volksfest. Trotzdem ist der Kern der Veranstaltung geblieben: Einerseits der Blick in die Vergangenheit mit dem Gedenken an die streikenden Arbeiter der letzten Jahrhunderte, andererseits der Blick in die Zukunft mit Forderungen und Wünschen.

Kampftag der Arbeiterklasse oder Maifeiertag?

Von sicheren Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitverkürzungen bis hin zu Urlaubsgeld und betrieblicher Rentenvorsorge – Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen können in den letzten hundert Jahren große Erfolge vorweisen. In vielen Bereichen scheint allerdings die Erfolgssaga, aufgrund der sich verschärfenden Tarifauseinandersetzungen und die scheiternden Kampagnen für die 35-Stunden-Woche, zu stagnieren. In den letzten Jahren versuchten die Gewerkschaften mehr denn je die Aufmerksamkeit des Volkes durch Musik und andere kulturelle Veranstaltungen zu gewinnen und dadurch die Kundgebungen interessanter zu gestalten. Die Kampfansagen auf den Demonstrationen haben sich in den mehr als hundert Jahren nicht viel verändert: Faire Löhne und bessere Arbeitszeiten. Trotzdem scheint in den letzten Jahren der Kampftag zu Gunsten der Maifeierlichkeiten in den Hintergrund gerückt zu sein.

Doch gute Arbeitszeiten und faire Löhne sind Themen, die uns weiterhin beschäftigen. Vor allem im letzten Jahr kochte die Debatte über bessere Bezahlung im Pflegewesen hoch. Mit Applaus kann niemand seine Miete bezahlen. Wichtig ist es deswegen auch am 1. Mai diesen Jahres weiterhin laut zu sein und Forderungen zu stellen – vor allem in Hinblick auf die Bundestagswahl. Leider finden auch dieses Jahr keine großen Demonstrationen oder Kundgebungen auf der Straße statt. Trotzdem gibt es, wie im letzten Jahr, einen Livestream der dgb mit Musik, Diskussionen, Poetry-Slams und vor allem „Forderungen der Gewerkschaften an die Parteien für eine gerechtere Politik im Bundestagswahljahr und mit der klaren Botschaft: Die Krise meistern wir nur gemeinsam – denn Solidarität ist Zukunft.“ (dbg: https://www.dgb.de/erster-mai-tag-der-arbeit ).

Okay ich habe es bis hier hergeschafft, aber was interessieren mich Gewerkschaften als Student*in?

Auch wenn wir als Studierende mit Gewerkschaften noch nicht viel anfangen können, sollte uns „Solidarität“ sehr wohl ein Begriff sein. Die Pandemie ist noch nicht vorbei und gerade jetzt brauchen wir weiterhin Verbundenheit und ein Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft. Egal ob wir für die Nachbarn einkaufen, unter Hygieneauflagen demonstrieren oder einfach nur Abstand halten – Solidarität heißt, etwas für andere zu tun, ohne dabei direkt einen eigenen Vorteil zu generieren. An diesem Tag der Arbeit, an dem wir mal wieder nicht arbeiten, können wir uns glücklich schätzen uns nicht 1886 in einer Fabrikhalle in den USA zu befinden.

 

Bildquelle Plakate: https://www.dgb.de/themen/++co++3d82150a-1294-11df-40df-00093d10fae2

Titelbild: Privat