„Nur eine solidarische Welt kann eine gerechte und friedvolle Welt sein“ sagte Richard von Weizsäcker einmal. Die Solidarität der Individuen und auch der Länder und Staaten steht momentan, zur Zeit der Corona-Krise, auf dem Prüfstand. Menschen, die einer Risikogruppe angehören, und Krankenhäuser in Risikogebieten sind aktuell angewiesen auf die Solidarität anderer.

Der Soziologe Alfred Vierkandt definierte Solidarität folgendermaßen: „das Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll“. Doch wenn ich im Supermarkt einkaufen gehe, zweifle ich an dieser praktischen Solidarität. Leer gefegte Regale, wo sonst Nudeln, Klopapier, Mehl oder Brotmischungen stehen. Menschen mit zwei bis drei übervollen Einkaufswagen. Bin ich zynisch, wenn ich diesen Menschen Egoismus unterstelle? Vielleicht kaufen sie auch für ihre Nachbarn mit ein, damit sich diese nicht einem Infektionsrisiko aussetzen müssen? Sicher nicht alle, sonst wäre das Klopapier nicht leer und die Läden nicht so voll. Was man vernimmt ist eine „Ich-zuerst-Mentalität“, in der jeder zuerst einmal seine eigene Haut retten will. Das ist ja im Grunde nicht verkehrt, denn im Bezug auf CoViD19 ist Selbstschutz auch Schutz der anderen. Die Panik nimmt aber teilweise überhand und wird irrational. Wenn sich hunderte Menschen Samstag morgens angespannt durch das Supermarktgedränge kämpfen, sich gegenseitig die Lebensmittel aus den Wägen klauen, und schon bereits am frühen Vormittag um die letzte Packung Nudeln streiten, dann ist mehr verloren als nur die Sicherheit vor einer Übertragung der Viren. In solchen Momenten scheint die Gesellschaft vergessen zu haben, worum es eigentlich geht. Wie die Tiere verfallen wir in einen instinktiven Überlebensmodus, der alles andere ausschaltet.

Aber auch das totale Gegenteil lässt sich beobachten. An allen Ecken und Enden formen sich Nachbarschaftshilfen, die Einkäufe für andere erledigen oder Notfallbetreuungen für Kinder organisieren. Manche Schüler und Studenten packen sogar auf den Feldern als Erntehelfer mit an. Die Menschen scheinen sehr gern zu helfen. Auch die sozialen Netzwerke sind voll von Aufrufen, daheim zu bleiben und Hashtags wie #westayathome und #flattenthecurve. Es gibt digitale Talkrunden, Künstler geben Wohnzimmerkonzerte und Bürgermeister klären die Bevölkerung per Livestream über neue Verordnungen auf. Die sozialen Medien platzen fast vor Videos, auf denen Menschen gemeinsam auf Balkonen musizieren oder dem medizinischen Personal zum Dank applaudieren. Ganz eindeutig spürbar ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, aber wird es auch praktisch genug? Im Anbetracht anderer Nachrichten wirkt diese emotionale Sorgenbekämpfung fast heuchlerisch.

An der deutsch-schweizerischen Grenze wurde laut Neuer Zürcher Zeitung ein Lastwagen aufgehalten, der 240.000 dringend benötigte Atemschutzmasken und anderes medizinisches Material in die Schweiz liefern sollte. Im Lübecker Universitätsklinikum wurden etwa 200 Liter Desinfektionsmittel gestohlen. Man muss sich das bitter auf der Zunge zergehen lassen. Für den eigenen Vorteil das Leben von medizinischem Personal und Patienten in Gefahr zu bringen! Diese Krise kehrt bei manchen Menschen dunkelste Seiten nach außen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich mit sehr passenden Worten zu dieser Lage geäußert: „Solidarität heißt jetzt physisch Abstand halten, und einander doch näher sein als je zuvor“. Er erinnert auch daran, dass es manche Menschen schlimmer trifft als andere; so brechen dem Taxifahrer oder dem Restaurantbetreiber Einnahmen weg, so manche Familie sitzt beengt in einer kleinen Wohnung, und Senioren sind momentan nicht nur besonders gefährdet, sondern auch besonders allein. Das sollte uns zum Nachdenken anregen, in welch privilegierter Position wir uns befinden. Vielen Studenten durchkreuzt das Virus gerade mal die Urlaubspläne.  Umso wichtiger, dass wir deshalb die unterstützen, die vielleicht nicht mehr arbeiten können oder Vorerkrankungen haben. Wegen abgesagten Partys oder gestrichenen Flügen sollten wir uns wirklich nicht beschweren.

Großes Sorgenkind in Europa ist Italien. Die Krankenhäuser und das medizinische Personal sind komplett überlastet. Es sterben so viele Patienten, dass Gemeinden Beerdigungen im 30-Minuten-Takt vollziehen müssen, um der Masse gerecht zu werden. Besinnliche Trauer und Abschied ist unter diesen Umständen unmöglich. Die Ärzte müssen triagieren, das bedeutet, Patienten werden priorisiert. Diejenigen, deren Überlebenschancen gering sind, werden abgewiesen, um Platz für hoffnungsvollere Fälle zu machen. Man kann sich nicht vorstellen, wie schrecklich das für die Patienten, die Angehörigen und auch für die Entscheidungsträger sein muss. Und was macht die EU um zu helfen? Nicht nur aus der italienischen Perspektive viel zu wenig.

Nachdem Lieferungen von medizinischer Ausrüstung an deutschen und französischen Grenzübergängen zunächst vom Zoll blockiert und später wieder freigegeben wurden, tat sich nicht viel mehr. Die anderen EU-Staaten sorgen sich um ihre eigene Versorgung, auch wenn die Lage noch nirgendwo so verheerend ist wie in Italien. Sachsen hat zwar acht Corona-Patienten aus Italien aufgenommen, doch im Anbetracht der Ausmaße ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein. China und Russland haben Expertengruppen sowie dringend benötigte Beatmungsgeräte und Schutzanzüge zur Unterstützung gesendet. Ganz unabhängig davon, dass diese Länder momentan mehr Kapazitäten haben als die EU-Staaten, die sich auf ihre ganz eigene Tragödie noch vorbereiten, stellt sich die Frage, ob Italien nicht das Vertrauen in die Schicksalsgemeinschaft der EU verlieren könnte. Die antieuropäischen Stimmen waren im Land schon vor der Krise laut, sie werden danach mit Sicherheit noch viel lauter sein. Es wäre nur verständlich, wenn die Italiener jetzt eine größere Verbundenheit zu denen spüren, die dem Hilferuf auch tatsächlich nachgekommen sind.

Es gibt aber auch Fälle, die belegen, dass die europäische Solidarität noch nicht ganz vergessen ist. Corona-Patienten wurden aus dem Elsass in das Uniklinikum Freiburg verlegt. Die Kliniken im Risikogebiet Elsass sind voll, Patienten werden zur Behandlung mit Militärflugzeugen in den Süden des Landes gebracht. Durch die Verlegung bleibt diesen Patienten die kräftezehrende Reise erspart. Das macht stolz, aber man darf beim Schulterklopfen nicht die anderen Risikogebiete vergessen. Dass sporadisch Patienten verlegt werden und die europäischen Länder sich untereinander helfen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Die Alleingänge der europäischen Staaten und die Schließung der Grenzen, beschlossen durch die Staaten, nicht die EU, wird der europäischen Einigkeit mit Sicherheit schaden. Europa hat es in der Corona-Krise verpasst, gemeinsame Lösungen zu entwickeln.

In Amerika geht die Solidarität viel weitreichender, wenn auch in eine ganz andere Richtung. Texas Vize-Gouverneur Dan Patrick möchte diskutieren, ob nicht die älteren Bürger geopfert werden sollen. Er selbst ist über siebzig und sei bereit, sein Leben zu geben, um das Amerika, das alle lieben, zu erhalten. Dieser Ansatz würde in Deutschland zwar auch das Problem mit der Rentenkasse lösen, aber es ist wohl doch ein bisschen viel verlangt. Der Sinn ist nicht, unsere Großeltern zu opfern, um Arbeitsplätze zu erhalten. Im Gegenteil, wir wollen die ältere Generation vor dem Virus schützen!

Es lässt sich schlussendlich nicht sagen, ob die Krise uns nun solidarischer oder eigenbrötlerischer macht. Nur Eins ist klar: Sie bringt in allen die Extreme zum Vorschein, positiv wie negativ. Zusätzlich eröffnet sie und einen neuen Bereich des Möglichen: Unterlassen von Flugreisen und reduzierter CO2 Ausstoß, freiwilliges Engagement und Nachbarschaftshilfe. Das weckt Hoffnung, dass auch ohne Krise einige Probleme des 21. Jahrhunderts nicht unlösbar sind. Jedoch zeigt uns die Krise auch gnadenlos unsere Schwächen auf: die europäische Solidarität ist noch nicht ganz ausgereift, und gegen egoistische Ignoranten helfen nur Strafen. Also lasst uns so viel wie möglich aus dieser Krise lernen. Jetzt ist die Zeit, Schwachstellen in der europäischen Politik und in unserer Zivilgesellschaft zu erkennen und anzugehen. Im Großen und auch im ganz Alltäglichen. Wenn wir diese Krise hinter uns haben, sollten wir alle zusammen auf der Straße ein großes Fest feiern, alle lieben Leute fest umarmen, und vielleicht ein paar Entschuldigungen loswerden. In diesem Sinne: macht was Sinnvolles beim social distancing und immer schön Hände waschen!

 

Foto: Branimir Balogovic (unsplash)

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