Die Hochwasserkatastrophe von 2013 kam für Passau sehr überraschend. Innerhalb weniger Stunden stieg der Wasserpegel der Donau und des Inns auf ein nie dagewesenes Level. Der Passauer Neuen Presse kam als Regionalzeitung während dieses Unglücks eine besondere Verantwortung zu. Franz Danninger arbeitet seit über 30 Jahren für die PNP und hat über das Hochwasser und seine Folgen für die Zeitung berichtet. Im Interview erklärt er, wie sich seine Arbeit als Journalist während dieser Zeit veränderte, wie die Redaktion mit einem solchen Krisenfall umging und welche Erlebnisse Ihn besonders prägten.

 

Die Hochwasserkatastrophe von 2013 kam für Passau sehr unerwartet. Oberbürgermeister Dupper erklärte, die Flut kam schneller und mächtiger, als es alle Prognosen vorhergesagt haben. Wie haben Sie sich als Redaktion darauf vorbereitet?

 

Im Vorhinein konnten aufgrund des überraschenden Eintretens der Flut keine Vorbereitungen getroffen werden. Ein Vorwurf, der dem Hochwasser Nachrichtendienst Bayern oft gemacht wird ist, dass sie die Katastrophe nicht rechtzeitig hervorsagen konnten, oder aus Angst vor Panik, nicht vorhersagen wollten. Dementsprechend waren wir genauso unvorbereitet wie die Feuerwehr, die Sanitäter und alle anderen Betroffenen.

Das Einsetzen der Flut war an einem Wochenende, deswegen herrschte Minimalbesetzung. Statt fünf Leuten in der Lokalredaktion, waren deshalb nur zwei Redakteure anwesend. Diese zwei standen nun vor der Situation, dass es wohl ein richtig großes Hochwasser werden wird.

Ich selbst bin nach Passau runtergefahren mit der Erwartung, dass es dort eine Sperre geben wird. Vor Ort habe ich dann erst die Dramatik der Situation erkannt. Daraufhin bin ich zurückgefahren und habe zum Chefredakteur gesagt: „Das ist kein Hochwasser. Das ist eine Katastrophe!“

Man hat es gespürt. Es lag in der Luft, dass das nicht alles war, sondern dass es noch schlimmer werden wird. Wie schlimm es wird, war nicht vorhersehbar. Diese Ungewissheit war auch ein Teil der lähmenden Angst, die die Leute umgab. Das Wasser stieg und stieg in einem noch nie dagewesenen Tempo und niemand wusste, wie weit der Pegel noch steigen würde.

 

Gab es technische Herausforderungen für die Redaktion, wie beispielsweise das Einrichten des News-Tickers?

 

Der News-Ticker kommt bei uns in der Wahlberichterstattung öfter zum Einsatz und war dementsprechend einfach einzurichten. Als wir erkannt haben, dass das Ausmaß der Katastrophe über die Dimension einer normalen Lokalberichterstattung hinausgeht, haben wir uns für die Einrichtung des News-Tickers entschieden.

 

Wie viele Mitarbeiter haben, neben den fünf Redakteuren der Lokalredaktion, über die Flutkatastrophe berichtet?

 

Das Thema hat sich schnell ausgeweitet und ging ins Überregionale. Unser sogenannter News-Desk, der für die bayernweiten Seiten zuständig ist, hat uns daraufhin bei der Berichterstattung unterstützt. Da sämtliche Sport-Events abgesagt werden mussten, war sogar die Sportredaktion davon betroffen.

 

Wie haben Sie persönlich die Katastrophe erlebt? Waren sie oft vor Ort?

 

Ich war zweimal täglich in Passau. Das war die intensivste Woche meines Berufslebens und das geht immerhin schon 30 Jahre lang. Ich musste ständig den News-Ticker aktualisieren. Welche Straßen sind noch offen, welche sind gesperrt? Was ist mit den Brücken? Es kam dann immer wieder das Gerücht, die Innbrücke hält das aufgrund der enormen Strömungsgeschwindigkeit und der großen Wassermassen des Inns nicht aus. Daraufhin wurde sie ja dann auch gesperrt.

 

Wie bewegten Sie sich in der Stadt während des Hochwassers fort und was haben Sie dort gemacht?

 

Ich war zu Fuß und in Booten unterwegs und habe mich einfach umgeschaut, was so los ist. Bei einem Haus im Bratfischwinkel habe ich beispielsweise vorbeigeschaut, weil es wegen der starken Unterspülung einsturzgefährdet war und die Bewohner evakuiert werden mussten. Das hat sich Gottseidank nicht bewahrheitet. Das Haus steht heute noch, hat aber Risse bekommen.

 

Inwiefern unterscheidet sich das berichten aus einer Krisensituation vom normalen Arbeitsalltag?

 

Der Unterschied war sicherlich enorm. Wir alle mussten 12 Stunden Schichten arbeiten. Darüber hat sich aber auch niemand beschwert. Jedem war klar, dass es sich um einen Katastrophenfall handelt, der so noch nie da war. Weil keiner Zeit hatte, Mittag zu essen, hat die Chefredaktion Pizza spendiert. So etwas hat es auch noch nie gegeben. Das Rathaus hat jeden Tag eine Pressemitteilung veröffentlicht. Diese hat der Oberbürgermeister persönlich vor Ort ausgehändigt. Auch das war ein Novum. Am, aufgrund des starken Regens, zerknitterten und welligen Papier der Pressemitteilung vom 3. Juni kann man heute noch die Dramatik der damaligen Situation erkennen. Am Schlimmsten war, dass niemand wusste wie weit es noch steigen wird. Werden es 14, werden es 15 Meter? Man wusste es nicht.

Auch erforderte die Berichterstattung viel Fingerspitzengefühl. Viele Leute haben geweint und waren verzweifelt, andere verscheuchten mich wütend, weil sie Besseres zu tun hatten, als meine Fragen zu beantworten. Die Berichterstattung erfolgte großteils durch reine Beobachtung und durch Zuhören.

Ich persönlich war auch sehr betroffen von der Situation. Ich bin in Passau geboren und fühle mich der Stadt sehr verbunden. Ich sah meine Stadt versinken.

 

Kommt der Passauer Neuen Presse während einer solchen Krisensituation eine erhöhte Verantwortung zu?

 

Ja, auf jeden Fall. Wir haben uns meiner Meinung nach gut geschlagen und die Informationspflicht voll und ganz erfüllt. Das war nur möglich, weil wirklich alle unter Alarmbereitschaft waren. Eine Kollegin ist sogar aus dem Urlaub zurückgekehrt, um die Redaktion zu unterstützen. Unsere Verlegerin hat auf eigene Kosten einen Hubschrauber gemietet, der direkt neben dem Medienzentrum der PNP gestartet und gelandet ist. Dieser überflog das ganze Gebiet, damit wir Aufnahmen von oben und damit den besten Überblick bekommen konnten, wie schlimm es tatsächlich ist.

 

Wie lange waren Sie im Nachgang mit der Berichterstattung über die Katastrophe beschäftigt?

 

Monate. Wir haben beispielsweise eine Rubrik für die Spenden eingerichtet, weil viele Firmen spenden wollten und wir Ihnen damit den Service gebracht haben, das auch medial zu verwerten. Daneben berichteten wir noch über die Aufräumarbeiten und die Hilfsgelder. Das hat sich dann locker bis Weihnachten 2013 hingezogen.

 

Würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?

 

Nein, es hat eigentlich alles gepasst. So wurde beispielsweise ein internes Fotoseminar abgesagt, weil man sich einig war, dass man jetzt gerade keine Zeit für Ausbildung hat. Aber als Tageszeitung sind wir es ja auch gewohnt, spontan auf Ereignisse reagieren zu müssen. Hier waren wir im Vorteil gegenüber Ämtern, die eher auf langfristige Planungssicherheit angelegt sind. Dementsprechend war es für uns ein relativ leichtes Unterfangen.

 

Welche persönlichen Erfahrungen sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

 

Es ist etwas ganz Besonderes, wenn man ein Ruderboot durch die Fußgängerzone fahren sieht. So etwas vergisst man nicht mehr. Oder wenn ein Barbesitzer weinend vor der Türe sitzt, weil er zum 1. Juni 2013 die Bar übernommen hat und am 3. Juni alles unter Wasser steht. Manche Leute konnten ihr Auto nicht mehr finden. Einer meiner Freunde hat erst einige Zeit später seinen neuen Audi am Grund der Donau wiedergefunden.

 

Sehen Sie die Gefahr, dass sich so etwas wiederholt?

 

So etwas werden wir in Zukunft hoffentlich nicht mehr erleben, weil die Schutzmechanismen langsam zu greifen beginnen. Auch wenn es in Passau nicht möglich ist, einen durchgängigen, mobilen Schutz aufzustellen, wird versucht, Schutzmechanismen in den Oberläufen der Donau und des Inns zu installieren. Passau ist hier nur das letzte und schwächste Glied in der Kette und damit das geborene Opfer. Darüber hinaus wird versucht, einen dezentralen Schutz zu etablieren, indem man an den Häusern selbst ansetzt und dort die Fenster und Türen mit Eisenschienen verstärkt, damit sie dem Druck standhalten können. Auch die Passauer Bürger sind seitdem alarmiert. Die Seite des Hochwassernachrichtendienstes Bayern ist seit dem Ereignis bei Vielen auf dem Computer gespeichert.

 

 

 

 

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