In der Frauengasse 7 in Passau befindet sich ein kleiner, fast unscheinbarer Laden, der bei mir großen Eindruck hinterlassen hat. Auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für meine Mutter stolpere ich zufällig in den Laden von Franziska Löw. Anstelle von fertigem Keramikgeschirr leuchtet es mir weiß von den Regalen entgegen: Tassen, Schüsseln, Teller sowie allerhand Dekoratives aus Keramik stehen in ihrer Ursprungsform im Regal und warten darauf mit Farbe zum Leben erweckt zu werden.

Hier können zwar auch vereinzelt fertige Keramikgegenstände gekauft werden, doch das eigentliche Ziel von Franziska Löw ist es , die Kunden zur eigenen Kreativität zu motivieren und die Keramikrohlinge selbst zu bemalen. Da persönliche, selbst gebastelte Geschenke grundsätzlich gut ankommen, entscheide ich mich eine Tasse zu bemalen.

 

Selbst-Experiment: Geburtstags-Tasse © Marina Schmidt

Sehr schnell tauche ich für fast drei Stunden in eine kleine Welt ein, die von beruhigender Hintergrundmusik, bunten Farben, verschiedenen Hilfsmitteln (Schwämme, Pinsel, Stempel) und dem Geruch von Glasur und den Brennöfen begleitet wird. Während der „Auszeit“ im Laden komme ich mit Franziska ins Gespräch und meine Neugierde wird geweckt. Wie kommt man auf die Idee einen solchen Keramikladen in Passau zu eröffnen? Was ist Franziskas beruflicher Hintergrund? Wovor hatte sie Angst, als sie sich selbstständig gemacht hat?
In einem Interview bekomme ich Antworten auf meine Fragen.

Eine Stunde bevor der Laden geöffnet wird, sitzen wir zusammen an einem der Bastel-Tische und ich darf Franziska Löw mit Fragen löchern.

Franziska in ihrem Keramikladen © Marina Schmidt

„Wie bist Du auf die Idee gekommen, einen solchen Laden zu eröffnen?“

Franziska ist gebürtige Passauerin und hat die letzten 18 Jahre in Tübingen gelebt, dort hat sie einen Keramik-Malladen vor vier Jahren kennen- und lieben gelernt. Das Malen war für die gelernte Kinderkrankenschwester eine Art Eigentherapie, die es ihr ermöglicht hat, zu ihrem anstrengenden Arbeitsalltag, den psychisch und physisch belastenden Job einen Ausgleich zu finden. Aber die kurzen Ausflüge in den Laden waren auf Dauer nicht genug und schließlich fasste sie den Entschluss, das Gesundheitswesen hinter sich zu lassen. Nach diversen Überlegungen reifte schließlich die Idee, in ihre Heimatstadt Passau zurück zu kehren und sich dort mit einem Keramik-Mal-Laden selbstständig zu machen. Als Kinderkrankenschwester am Uniklinikum konnte sie ihren eigenen Ansprüchen auf Dauer nicht mehr gerecht werden, in dem großen System und unter wachsendem Stress weiter mit Engagement und Empathie zu arbeiten. Ihr Ziel für ihren Laden in Passau stand fest: Franziska wollte einen Treffpunkt schaffen, in dem sowohl Kunden als auch Mitarbeiter zufrieden sind, Entspannung, Kreativität und Freude erfahren.

„Wovor hattest Du am meisten Angst?“

„Angst hatte ich zu keinem Zeitpunkt!“

Zu viele Faktoren haben ihre Entscheidung begünstigt, deswegen beschreibt sie einen Grundoptimismus, der durch ihren Mann von Anfang an unterstützt wurde. Trotzdem birgt der große Schritt in die Selbstständigkeit auch Risiken, denen sich Franziska durchaus bewusst ist. Allerdings ist sie überzeugt von dem Konzept des Ladens und konnte mit einer ganz neuen Energie und Motivation in ihren Arbeitstag starten. Mittlerweile ist der Laden seit Oktober 2018 geöffnet und die Ladeninhaberin spricht von einem guten Start. Im kleinen Passau spricht es sich rum, wenn man etwas Neues zu bieten hat und vor allem Studenten seien ein großer Kundenstamm.

Das weiße Geschirr wartet auf Farben und Verzierungen © Marina Schmidt

„Was gestaltest Du am liebsten und warum?“

„Schüsseln! Ich liebe Schüsseln in allen Größen. Man kann Schüsseln so vielseitig einsetzen: Man kann daraus Müsli, Salat, Obst, Suppe oder Chips essen oder auch mal Blüten darin arrangieren.“

Seit sie in Passau ist und ihren eigenen Laden führt, kommt sie allerdings selbst kaum noch zum Malen, deswegen sind alle ihre Schüsseln noch aus ihrer Zeit in Tübingen. Einen eigenen Laden zu führen kostet viel Zeit und Kraft. Franziska arbeitet teilweise über 70 Stunden, obwohl das deutlich mehr ist, als sie in der Kinderklinik gearbeitet hat, ist sie selten gestresst. Sie ist ihr eigener Chef, in ihrem kreativen Umfeld und erfüllt sich ihren Traum – es gibt kaum etwas, das einen mehr antreiben könnte.

„Wer sollte in Deinen Laden kommen?“

„Mehr Männer!“

„Mehr Männer“, entgegnet sie mir ohne zu zögern. Vor allem bei Männern und Jungs sei eine große Skepsis hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten da und auch das Vorurteil „Malen ist Frauensache“ ist ein großes Thema.

Franziska organisiert viele Geburtstagsfeiern von jungen Mädchen in ihrem Laden, aber sie wünscht sich, dass auch mal ein Junge sagt „Ich feiere nicht auf dem Fußballplatz, sondern im Keramik-Laden“. Hier ist ein Umdenken in unserer Gesellschaft notwendig, das Jungen und Mädchen nicht in bestimmte Schubladen steckt und auch die „ungewöhnlicheren“ Aktivitäten oder Interessen zulässt.

Innerhalb eines Jahres hatte Franziska noch keinen einzigen Kunden, der mit seinem Produkt bei der Abholung nicht zufrieden war. Es geht nicht um Perfektion oder darum sein Talent zu beweisen, sondern auch um die Zeit, die man in das Produkt investiert und die Freude, die man beim Gestalten empfindet. Man geht sogar selbstbewusster aus dem Laden, wenn man doch etwas erschaffen hat, das einem selbst oder der beschenkten Person gefällt, „obwohl man doch überhaupt nicht talentiert ist“.

„Welchen Problemen musstest Du Dich schon stellen?“

Die Bürokratie der Selbstständigkeit. Obwohl sie großes Glück mit ihrem Laden hatte und auch sehr zufrieden ist mit dem Standort und der Inneneinrichtung, ist der Papierkram nervenaufreibend. Die Frauengasse beschreibt Franziska als „kleine Autobahn“, da sehr viele Menschen an ihrem Laden vorbeilaufen und ihn entdecken. Auch das Licht in ihrem Laden ist ideal für die Gestaltung der Gegenstände und so kann sie eigentlich keine weiteren Probleme nennen und spricht von „purer Dankbarkeit“.

Tasse und Schmuckschatulle werden bemalt © Marina Schmidt

„Welcher Kunde/ welche Kundin ist Dir in Erinnerung geblieben und warum?“

Ein Mann, der definitiv unfreiwillig in ihren Laden gekommen ist und dem man im Gesicht ablesen konnte, dass er keine Lust aufs Bemalen von Keramik hat. In Begleitung von mehreren Frauen und Kindern, die wild schnatternd ihre Objekte verzierten, saß er am Tisch, ohne ein Wort zu sagen. Wider Franziskas Erwartung holte sich der Mann nach einiger Zeit mehrere Rohlinge an seinen Platz und begann, still vor sich hin zu malen. Nach längerer Zeit, als er fertig ist und  an der Kasse bezahlt, erzählt der Kunde Franziska, dass er die Zeit in ihrem Laden entspannend und schön fand und dass es ihm sehr gut gefallen hat. Nach dem Brennen seiner Keramik ist Franziska begeistert von der Gestaltung: sie ist schlicht, strahlt Ruhe aus, aber ist trotzdem oder gerade deswegen wunderschön.

„Was wünscht du dir für die Zukunft?“

„Noch mehr Menschen, die den Laden kennen- und lieben lernen! Hier eine Auszeit vom Alltag erleben, Sorgen vergessen, ohne Hektik, ohne Druck, bewertet oder gar benotet zu werden – und mehr männliche Kunden.“

Nach unserem Gespräch, das sehr persönlich und angenehm war, bin ich beeindruckt von Franziskas Mut und Entschlossenheit. Ich werde bestimmt noch einige Male einen Ausgleich zum Studium bei ihr suchen.

Wer sich selbst davon überzeugen möchte, wie schön die Auszeit im Keramik-Laden ist, kann sich auf der Website www.keramik-treffpunkt.de informieren oder direkt in der Frauengasse 7 vorbei kommen.

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