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Verstecken spielen

Kleine Kinder schreien, wenn sie etwas unbedingt haben wollen. Sie schreien auch, wenn sie etwas nicht bekommen. Ganz ungeachtet der Umstände und ganz ungeachtet anderer involvierter Personen. Das ist kein Egoismus, das ist das Naturell von Kindern. Aber sind wir nicht alle in gewisser Weise Kinder? Egal, wie alt wir sind, schreien wir nach Dingen, die wir haben wollen, und schreien wir, wenn wir sie nicht haben können. Der Unterschied: Erwachsenen wird in Folge dessen oftmals der Stempel „Egoist“ aufgedrückt. Wenn jemand seine Bedürfnisse kundtut, sich dafür einsetzt, diese zu erfüllen, und dabei in erster Linie auf sich selbst achtet, ist das für viele egoistisches Verhalten. Man hat zu wenig auf die Bedürfnisse anderer geachtet. Warum fragt man nicht zuerst, was der andere möchte? Denkst du denn nur an dich selbst?

Letzten Winter sah ich mich eines Nachmittags in einen Krimi verwickelt. Es ging nicht um Leben und Tod, sondern um Konzertkarten oder nicht. Sunrise Avenue hatte gerade die Auflösung der Band bekannt gegeben und sollte 2020 auf letzte große Tour gehen. Jetzt mussten vier Karten her. Ende Juli in München. Ein kleiner Ausflug mit den liebsten Menschen. Wir haben um die Karten gekämpft, saßen zwei Stunden lang vorm Online-Ticketcenter, bis wir schließlich erfolgreich waren. Die Freude war riesig. Fünf Monate später: die Tour wurde verschoben. Verschoben, nicht abgesagt. Immerhin. Und trotzdem: die Enttäuschung war da.

Zeitgleich hatten zu diesem Zeitpunkt über 130.000 Menschen weltweit ihr Leben an ein Virus verloren. Fast ebenso viele waren am Tag der Absage allein in Deutschland infiziert. Plötzlich kommt man sich ganz klein vor mit seinen belanglosen Problemen. Dann ist das Konzert eben nicht im Juli. Kein Problem. Da gibt es so viele mit viel größeren Problemen. Trotzdem schlich sich immer wieder die Enttäuschung ein. Je länger die Zeit der Isolation andauerte, desto häufiger wurde mir bewusst, worauf ich diesen Sommer wohl verzichten muss. Meine geliebte Nacht der Musik. Das Eulenspiegel-Festival an der Ortspitze. Die Volksfeste. Und dann ist da noch dieses Flugticket nach Barcelona, das irgendwo zwischen Koffer und Papierschredder schwebt. Je länger die Zeit der Isolation andauerte, desto häufiger fragte ich mich, was ich da gerade tat. Stand es mir doch eigentlich nicht zu, Trübsal zu blasen wegen solch banaler Dinge. Das konnte man alles irgendwie nachholen. Diese Chance hatten andere nicht. Andere bangten um Familienmitglieder, kämpften selbst mit einer unbekannten Krankheit, waren einem echten Risiko ausgesetzt. Ich fühlte mich schuldig. Egoistisch.

Anfang April wurde die Nachricht veröffentlicht, dass ein Discounter 200 Tonnen Pasta per Zug aus Italien liefern ließ. Besonders Konsumenten im Alter von 18 bis 29 Jahren hamsterten Nudeln. Ein Viertel der Deutschen gab an, etwas oder deutlich mehr Toilettenpapier als sonst gekauft zu haben. Die Regale waren leer. Viele gingen leer aus, andere stapelten die Vorräte in ihren Kellern. Egoistisch.

Ego·is·mus, Substantiv, maskulin [der]. „[Haltung, die gekennzeichnet ist durch das] Streben nach Erlangung von Vorteilen für die eigene Person, nach Erfüllung der die eigene Person betreffenden Wünsche ohne Rücksicht auf die Ansprüche anderer; Selbstsucht, Ichsucht, Eigenliebe“, so der Duden. Ich fange an, einzuordnen: 1. Nudeln hamstern. Das erfüllt den eigenen Wunsch nach Sicherheit, der irgendwo tief verankert ist. Die Rücksicht auf andere geht vorm Supermarkt beim Kampf um den Einkaufswagen verloren. 2. Sich beklagen. Da ich mich über meine eigenen verpassten Chancen beklage und sie mir wieder herbeisehne, ist „Wunsch“ wohl ein geeigneter Ausdruck. Es folgt der heikle Punkt: die Rücksicht. Zugegeben, in dem Moment, in dem ich mir das Konzert zurückwünsche, denke ich erstmal nur an mich selbst. Ich hatte schließlich Erwartungen. Ich stelle mir den Spaß vor, den ich hätte. Doch handelt es sich um Vorsatz oder Fahrlässigkeit? Irgendwann an einem weiter fortgeschrittenen Punkt meines Selbstmitleids komme ich immer zu dem Schluss, dass das, was ich mir wünsche, schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Was der Grund dafür ist, nehme ich oft nicht bewusst wahr. Unterbewusst wiederum ist mir längst klar, dass mein Verständnis immer siegt, weil ich weiß, dass es hier nicht nur um mich geht. Ich verliere also nicht die Rücksicht auf andere, ich verstecke sie hinter den Gedanken an mich selbst. Irgendwann gibt sie mir einen Hinweis und ich gewinne praktisch jede Runde Verstecken-Spielen. Sie kann sich nicht ewig hinter einem Baum verstecken.

Die Frage, die bleibt, ist, ob ich meine Enttäuschung kommunizieren darf. Und das, obwohl das manchmal aus einem Impuls heraus geschieht, aufgedunsen mit Emotionen und noch bevor ich das Versteck meiner Rücksicht finden konnte. Der Mensch ist ein soziales und kommunikatives Wesen. Wir kommunizieren in allem, was wir tun. Einmal verbal, ein anderes Mal durch Körpersprache, wieder ein anderes Mal durch bloße Mimik. Mit Kommunikation sendet der Mensch Botschaften an ein Gegenüber, egal ob ihm dieses Aufmerksamkeit schenkt oder ob die Botschaft ins Leere verläuft. Wichtig ist für uns, dass wir uns ausdrücken. In den letzten Wochen war Kommunikation nicht immer leicht. Face-to-face war quasi unmöglich, Videotelefonate erfüllen nicht alle Bedürfnisse. Es fehlt ein Ventil. Man sammelt Eindrücke und Emotionen in sich. Bis man irgendwann nicht mehr anders kann, als sich Gehör zu verschaffen. Der Zeitpunkt muss nicht immer treffend sein, manchmal merkt man erst hinterher, dass das Gegenüber die Dinge weniger dramatisch sieht als man selbst. Dass das Gegenüber gerade mit ganz anderen Problemen beschäftigt ist. Wenn der andere im selben Moment um seinen Job bangt, trifft die Nachricht, dass ein Konzert abgesagt wurde, womöglich auf wenig Mitgefühl. Verständlich.

Trotzdem geschieht das alles nicht mit Vorsatz. Sicherlich gibt es Ausnahmen. Doch wenn ich meine Enttäuschung äußere, manchmal etwas jammere, dann will ich nicht verletzen. Wenn ein Kind in einer völlig unpassenden Situation schreit, will es nicht verletzen. Es kann nur sein eigenes Bedürfnis nicht unterordnen. Vielleicht sind wir auch manchmal noch Kinder. Vielleicht können wir manchmal unsere Bedürfnisse denen der anderen nicht unterordnen. Vielleicht können wir dann nicht anders, als das zu kommunizieren. Das haben wir als Kinder schon getan, also tun wir es jetzt auch. Für Kinder hat man dabei oft mehr Verständnis. Dabei muss auch ein erwachsener Mensch hin und wieder seiner Enttäuschung Raum geben. Das ist nicht egoistisch. Das ist das Naturell des Menschen.

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