14 Zoll auf 12 Quadratmeter

Mama und Papa hatten so Recht. „Geh doch raus spielen mit den anderen!“ war damals ihr wertvollster Vorschlag.

Seit diesem Wintersemester bestimmen nämlich die Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnungen (unfassbares Wort) Nummer acht bis elf, dass wir eben jene Worte nicht befolgen sollten. Denn drinnen zu bleiben heißt vor allem, Menschen möglichst zu meiden. So machen die winterlichen Wochen, die gerade jeder bestreitet, unglücklich. Das zeigt eine Studie an Colleges in den USA.

Nur für 14 Prozent ist das Risiko gering, dass sich Studieren in der Pandemie negativ auf die Psyche auswirkt. Stark gefährdet sind im Gegensatz dazu jeder und jede zweite. Studentinnen zwischen 18 und 24 mit einer Bildschirmzeit von über acht Stunden sind am meisten betroffen. Acht Stunden Bildschirmzeit? Klingt bei vor Kälte dampfender Donau doch auch verführerisch, oder?

Digital Entgiften von digitaler Lehre? 

Letzten Winter hieß acht Stunden vor dem Bildschirm, den Streaming-Account glühen zu lassen. Doch anstatt über den Campus hetzen wir mittlerweile über Stunden von Zoommeetings zu ILIAS-Arbeitsaufträgen – ohne dabei ins Schwitzen zu kommen. Denn jede Woche wird jede Veranstaltung im selben Zimmer, am selben Schreibtisch und ununterbrochen mit Laptop bestritten. Und nach der letzten Vorlesung schleppt man sich die zwei Schritte zum Bett, um dort abzuschalten – natürlich mit einem guten Film auf dem Schoß. Das nimmt uns auch kein Virus. Dieser Lebensstil ist gerade normal und überwiegend notwendig. Doch er macht uns krank.

Niemand schließt seinen Rucksack ein, um in der Einführungsliteratur aus den 60er Jahren im NK – Untergeschoss zu blättern. Wer seinen Arbeitstag in der Bibliothek verbringt, hat edlere Gründe. Wenn das Bundesministerium für Gesundheit empfiehlt, nicht im Schlafzimmer zu arbeiten, lässt sich der eigentliche Sinn von Universitätsbibliotheken bereits erahnen. Sie sind Quelle der Schaffenskraft. Nebenbei fällt auf, dass das BMG, wenn überhaupt, an die geräumigeren Studenten-WGs gedacht hat. Auch utopia.de rät zu Unmöglichem, wenn es um digitale Entgiftung geht. So schadet Elektronik dem Schlaf, weshalb sie im besten Fall ganz aus dem Schlafzimmer verbannt werden sollte. Außerdem wird für eine digitale Entgiftung ein langer Bildschirmblock empfohlen, um danach bewusst ohne auszukommen. Beides nicht umsetzbar für Studierende.

Jedenfalls nicht allein balancieren

Verpflichtungen aber auch Freunde und Freizeit spielen sich in den Sphären von Zoom, Among Us oder scribble.io ab. Aus dem langen Bildschirmblock wird ein ganzer Tag – mit Spaziergängen als überschätztes Gegengift. So düster es klingt so alltäglich und oft auch meisterbar ist das Studieren an der Fern-Uni Passau. Das vergangene Jahr gab uns auch Zeit, sensibel auf unsere Bedürfnisse einzugehen. Und das funktioniert. An sonnigen Tagen tummeln sich die Läufer den Inn entlang und an den weniger sonnigen Tagen werden die Kochkünste verfeinert. Spielen mit nur manchen von den anderen und trotzdem merken: „Wir stehen Das zusammen durch.“

Und dennoch. Es leidet, wer beim Balancieren der Facetten seiner Selbst Schlagseite bekommt. All diejenigen sind keine, die störrisch Schlupflöcher suchen. Sie sind Opfer eines Virus‘, das nicht nur der Lunge den Atem raubt.

 

(Abschließende Anmerkung des Autors: Natürlich entsteht dieser Text im Bett nach einem langen Tag am Schreibtisch, Bildschirmzeit beinahe zweistellig und damit keine Aussicht, bald einzuschlafen. Aber Kopf hoch!)