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Helmut Dietl: München & Die Schickeria

Helmut Dietl © Hubert Burda Media Bambi 2014, 13.11.2014, Berlin

München vor dem Mauerfall

München in den 70er und 80er Jahren, die geheime Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. An jeder Straßenecke der Innenstadt fanden sich Literaten, Autoren, Journalisten, Schauspieler und Regisseure. Als Kulturschaffender gab es in der ganzen Bundesrepublik keinen besseren Ort zum Feiern und Kreativsein. Die sogenannte Münchner Schickeria war wortwörtlich schick, in Mode. Tonangebend und relevant, ein Lifestyle der Reichen oder auch jeder Person, die aus welchem Grund auch immer mit in denselben Kreisen weilen durfte.

Die Romagna Antica als Hotspot für Filmemacher oder das Café Europa und umso mehr Lokale für all die verschiedenen Facetten von Stars. Internationale Musiker und Berühmtheiten gaben nach ihren Konzerten in eine der üblichen Bars, Cafés, Restaurants ein Encore, verlieren sich im Alkohol oder dem schon damals präsenten Koks-Konsum der bayrischen Hauptstadt. München war die Stadt für die Oberschicht. Aber auch für die hippe Jugend, für die weltoffenen und linkstendierenden Studenten. Man kam vom Norden nach München und war geschockt: Hier ist alles so viel lockerer, so entspannt. Nicht so konservativ und hochnäsig. München war nicht nur eine Stadt, München war ein Lebensgefühl. München war eben genau das, was heute Berlin ist: Die Hauptstadt, wenn auch nicht offiziell.

„Wer reinkommt, ist drin.“, heißt die erste Folge von Helmut Dietls und Patrick Süskinds Fernsehserie Kir Royal (1986). Und es stimmt: Wer reinkommt, der ist drin.
In die Münchner Schickeria kam man nämlich nicht nur als Star. Es ging darum, von der richtigen Person zur richtigen Zeit bemerkt zu werden. Am richtigen Tag in der richtigen Promi-Bar zu sitzen. Der Rest, der Ruhm, kam danach.

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Wer war Helmut Dietl?

Der 1944 geborene und 2015 verstorbene Helmut Dietl war eine der größten Figuren der deutschen Film- und Fernsehindustrie. Nicht umsonst war sein erster Film Schtonk! (1992)für einen Oscar als bester internationaler Film nominiert. Den Großteil seiner Jugend unter bescheidenen Bedingungen in München aufgewachsen und daraufhin einen noch größeren Teil seines Lebens in München lebend, fand auch Dietl sich mehr früh als spät, als Teil der Schickeria wieder. Als Jugendlicher mit einem Hang zur Poesie und einem charismatischen, klassisch münchnerisch leicht in der Arroganz mündendem Auftreten, war Dietl beim nächtlichen „Strawanzen“ schnell Bekanntschaft verschiedener Künstler und Kreativen.

So kam es über die verschiedensten Umwege (nachzulesen in seiner Autobiografie: A bissel was geht immer: Unvollendete Geschichten) dazu, dass Dietl 1974 seine erste Fernsehserie namens Münchner Geschichten sowohl schrieb als auch inszenierte. Beim Großteil der Folgen führte er selbst Regie, bis die ARD mehr Folgen orderte und er sowohl das Schreiben als auch die Regie an andere Filmschaffende übergeben musste. Trotzdem waren die Münchner Geschichten durch und durch eine Serie Dietls. Eine Serie, die ihn zu so einer großen Figur innerhalb Münchens machte, dass er selbst als bloßer Fernsehregisseur gefeiert und gelobt wurde. Wenn man mal darüber nachdenkt, dann sind einem die meisten Regisseure aufgrund ihrer Filme bekannt. Umso bemerkenswerter ist es, dass Dietl sich schon in den 70ern als das, was man heute einen „Showrunner“ nennt, einen Namen machen konnte. Einen so großen Namen sogar, dass Otto Waalkes geweint haben soll, als Dietl den Regiestuhl für den ersten Film der Otto-Filmreihe ausschlug. Dietl kannte damals jeder, der in München lebte.

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Dietls Serien

Nach Münchner Geschichten folgte Der ganz normale Wahnsinn (1979), dann der Monaco Franze (1983), die damals erfolgreichste deutsche Fernsehproduktion, und schlussendlich sein eigentliches Meisterwerk: Kir Royal. Die Einschaltquoten seiner Serien schienen mit jeder weiteren nur immer weiter in die Höhe zu schießen.

Man muss nicht viele von Dietls eigenen Produktionen gesehen haben, um einen Sinn für seine Persönlichkeit zu entwickeln. Stets findet sich in seinen Charakteren ein Stück seiner selbst. Nicht umsonst meinte Dietl, dass all das, was in seiner Autobiografie noch unvollendet war, doch durch das Schauen seiner Serien und Filme nachvollzogen werden könnte. Seine ganze Persönlichkeit stecke in diesen Produktionen.

Ohne wirkliche Vaterfigur aufgewachsen, haben Frauen eine umso wichtigere Rolle in Dietls Leben gespielt. Klar, die Mutter, mit der er bis zu ihrem Tod eine tiefe Freundschaft geführt haben soll und seine beiden Großmütter. Dietl soll großen Respekt vor Frauen gehabt haben, was sich unter anderem an Oma Anna Häusler (Therese Geihse) aus den Münchner Geschichten nachvollziehen lässt. Auf der anderen Seite war Dietl, vielleicht gerade deshalb, ein Womanizer. Viermal verheiratet, darunter mit Schauspielerin Veronica Ferres. Ganz sicher nicht die einzige seiner Frauen, der er öfter fremdgegangen ist.

Dietl hatte sein Charisma, hatte seine kreative Ader, hatte von klein auf das Talent, Frauen zu umwerben. Aber er hatte auch nicht die beste, im klassischen Sinne gesündeste Beziehung zu seinen Freundinnen und Frauen. Wie er es selbst gern sagte: Er hätte kein Talent zum Glücklichsein. Es ist keine Überraschung, dass sich dieser Aspekt seiner Persönlichkeit immer wieder in seinen Figuren wiederfindet, so oft sogar, dass man leicht davon genervt sein kann. Immer wieder geht es um den promisken Mann, oft auch um die promiske Frau, zwei Menschen, die sich lieben, aber es einfach nicht auf die Reihe kriegen, mehr als einen Tag ohne kleinere oder größere Streiterei miteinander zu verbringen.

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Auf der anderen Seite steckt in jeder Dietls Serien seine Liebe zu dem München, in dem er aufgewachsen ist. Das München der Möglichkeiten, das München, in dem es sich Leben lässt. Das durchaus bewusst romantisierte, inszenierte München, aber gerade deshalb ein München, dass das damalige Lebensgefühl perfekt eingefangen haben muss. Es geht um die verschiedenen Bewohner Münchens aus den verschiedenen Schichten und Stadtteilen. Um die Alten am Harras, ob weise oder griesgrämig, um die Jungen in Schwabing, ob hip oder out. Es geht um die sich verändernden Stadtteile und es geht ganz klar um die Münchner Schickeria.

In Dietls Werken steckt Präzision. Vor allem in der Zusammenarbeit mit Patrick Süskind, den er aus purer Intuition zu einem engen Freund und wiederholtem Co-Autor machte, noch bevor Süskind für Das Parfumweltberühmt wurde. Jeder Dialog mit einem gewissen Witz, einer Ironie, einer subtilen Pointe bestückt, die sprachlich so wundervoll konstruiert, aber doch so natürlich wirkt. Dietl und Süskind sind Meister des Dialekts, Meister darin, ihren Figuren mit sprachlichen Eigenheiten Leben und Witz einzuhauchen. Das zieht sich vom Anfang bis zum Ende Dietls Karriere.

Zusammen bewegten die beiden sich beim Schreiben vor allem im Milieu der Reichen. Zwar selbst Teil dieser Gesellschaft und wahrscheinlich gerade deshalb, schafften sie es immer wieder die überzogene, übertriebene Lächerlichkeit dessen, was sich hinter den Kulissen der schnöseligen Münchner abspielt, auf möglichst komische Weise wiederzugeben. Ob der Monaco (Helmut Fischer) mal wieder typisch sarkastisch anfängt, sich über die gehobenen Freunde seiner Geliebten lustig zu machen, ob Annette (Ruth Maria Kubitschek), eben diese Geliebte, selbst mal keine Lust mehr hat, sich an extravaganten Partys selbst zu inszenieren, oder wenn der Generaldirektor Heinrich Haffenloher (Mario Adorf) den Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) mit so viel Geld zuscheißen will, dass er keine andere Wahl mehr hat, als über ihn in seiner Kolumne zu schreiben. Denn wer in dieser bei Namen genannt wird, der kommt rein. Und wer reinkommt, der ist drin.

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Dietls Filme

Genaue dieses Übertreiben, der Hang dazu, alles auf die Spitze zu treiben, das Interesse daran, die Oberschicht auf seine eigene Weise zu entlarven und auch die komplizierten Liebesbeziehungen hat Dietl in seine Arbeit als Filmregisseur mitgenommen.

Mit Schtonk! verfilmte er die wahre Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher, mit denen der in Hamburg sitzende Stern sich öffentlich auf bizarrste Weise lächerlich machte. Der perfekte Stoff für einen Dietl. Für eben diesen ersten Film wurde er kurzerhand für einen Oscar nominiert. Letzen Endes verlor er seinen Preis an den Film Indochine (1992), aber das ließ ihn natürlich nicht davon abbringen seinen nächsten eigenen Film zu inszenieren. Da wieder in ausführlicher Zusammenarbeit mit Patrick Süskind.

Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief (1997) schwingt die Kamera zurück nach München. Wieder einmal geht es um dasselbe Milieu an Kreativen und Schnöseln, die Dietl und Süskind insbesondere mit Kir Royal auf den Arm genommen haben. Wieder einmal basierten die Charaktere auf Dietl, sogar auf Süskind und auf einigen anderen Figuren der damaligen Filmwirtschaft. Es geht um die fiktionalisierte Version eines Abends in dem bereits erwähnten Restaurant „Romagna Antica“. Es geht wieder um Liebe. Es geht um Geld, Gier und seelenloses kreatives Schaffen. Es geht um so vieles, worum es in ihren Serien auch schon ging. Bloß eben wieder anders.

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Nach Schtonk! und Rossini wird allerdings eine Sache klar: Dietl und Süskind funktionieren im Kino nicht genauso gut wie im Fernsehen. Die Kritiker sind überzeugt, das Publikum offensichtlich auch, sonst wäre Rossini mit 3,2 Millionen Kinobesuchern nicht einer der erfolgreichsten deutschen Kinofilme geworden, aber beide Filme haben ein großes Problem: Es passiert zu viel. Zu viele Charaktere mit zu vielen Geschichten. An den wichtigsten Stellen werden Erklärungen ausgelassen und übersprungen. Das soll Süskinds Lösung für das Problem eines zu langen Drehbuchs gewesen sein. Aber auch das hat nicht geholfen, man sieht den Filmen an, dass sie Serien hätten sein können und sollen. Eine Sache, der sich Süskind möglicherweise bewusst war, aber eine Tatsache, die sich Dietl nicht eingestehen wollte. In seinen Augen war er erfolgreich vom Fernseh- zum Filmregisseur graduiert.

Darauf folgten einige Flops, zwar nicht unbedingt im eigentlichen Sinne, aber doch für Dietl persönlich. Als Mann, der zuvor nicht nur erfolgreiche Serien, sondern auch Filme geschaffen habe, sei jeder Film mit weniger als 3,2 Millionen Besuchern eben kein Erfolg mehr. Dazu gehören der vergessene Late Show (1999) mit Thomas Gottschalk, Vom Suchen und Finden der Liebe (2005) mit Moritz Bleibtreu und Alexandra Maria Lara und zu guter Letzt, der allgemein verhasste Zettl (2012) mit Michael Herbig.

Dietl wurde für diesen letzten Film, Zettl, einer Fortsetzung zur Serie Kir Royal, jetzt nicht mehr in München, sondern in Berlin spielend, für viele Dinge verrissen. Die meisten Kritikpunkte vollkommen legitim, mehr als nur angebracht sogar, aber für eine Sache speziell meinte Dietl sich verteidigen zu müssen. Seine Kritiker meinten, dass die Realität, die er in Zettl zeichnete, zugespitzt gewesen sein soll. Es war zu viel, es sei zu böse gewesen. Er hätte Berlin nicht verstanden. Dietl aber widerspricht. Wenn das schon zugespitzt sein soll, dann würde niemand ihm glauben, wie bizarr das Leben als Promi in Berlin in Wirklichkeit ist. Nicht alles hat es in Zettl geschafft, aber zu viel scheint es trotzdem gewesen zu sein.

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A Bissel Was Geht Immer

Die Mauer war schon lange gefallen, Berlin löste München nicht bloß als geheime Hauptstadt ab, sondern nahm gleich alles an kreativem Talent und einen großen Teil der Filmindustrie mit. Es hieß nicht mehr Café Europa oder Romagna Antica, es hieß Borchardts und später dann Grill Royal. Dietl hat das nicht gefallen. Berlin hätte nichts der Münchner Eleganz, nicht dieselbe Persönlichkeit. Aber wer drinnen ist, ist drin. Und die, die drinnen sind, gehen eben mit. Er lebte nun in Berlin, auch wenn er doch einen großen Teil seiner Zeit immer wieder in München verbrachte. Aber das München, wie er es kannte, wie er es inszenierte, war tot. Und das neue Berlin war kein geeigneter Ersatz. 

Mit dem Fall Münchens, mit dem Tod der Münchner Schickeria, sollte wohl auch Dietls Gespür für seine Figuren, seine inszenierte Welt, verloren gehen. Je mehr Zeit nach dem Mauerfall verging, desto mehr Berlin München aus dem Rampenlicht rückte, umso unpräziser schienen Dietls Werke zu werden. Zwar wurde Zettlals ein riesiger Nachfolger zu sowohl Kir Royal als auch Rossini konzipiert, aber in das fertige, das vollkommen für Zeit verdichtete Drehbuch, kamen wenige der bereits ausgearbeiteten Ideen. Dietl wollte keine Serien mehr drehen. Für eine potenzielle Serie hätte es ohnehin kein Geld gegeben. Selbst für seine ursprüngliche Idee, den Stoff von Zettl in Form von drei Fernsehfilmen umzusetzen, gab es kein Geld. Es musste eben ein einziger Film werden. Alle Probleme, die sich in Dietls Schreibstil gefestigt hatten, sorgten für ein Drehbuch in Überlänge. Für ein Drehbuch, das als Film abermals nicht so gut funktionieren konnte, wie es doch bei einer Serie der Fall gewesen wäre. Und so war Dietls letzter Film ein Misserfolg von Proportionen, die sich Dietl weder ausmalen konnte, noch wollte.

So begann Dietl mit der Arbeit an seiner Biografie. Ausführlich erzählt er von Kindheit und Jugend, aber stirbt, bevor er auch zu seinem Leben als Erwachsener viel erzählen kann. In einem Nachwort beschreibt Patrick Süskind wenigstens seine Beziehung zu Dietl und wie er ihn kennengelernt hat. Anfang November erschien Helmut Dietl: Der Mann im weißen Anzug von deutschem Publizist und Filmkritiker Claudius Seidl. 

Helmut Dietl ist von uns gegangen, vielleicht der letzte deutsche Filmemacher seiner Art. Durch und durch Münchner, mit all dem Stil, der Eleganz und dem Witz eines Mannes der Münchner Schickeria. Die Amazon Prime Doku-Serie: Schickeria: Als München Noch Sexy War hat erst dieses Jahr versucht ein Licht auf die glamouröse Vergangenheit Münchens zu werfen. Groß ist die Gefahr der Romantisierung. Eine Romantisierung, zu der Dietl mit seinen Serien und teilweise auch mit seinen Filmen beigetragen hat, aber genauso zu dekonstruieren wusste. Das München aus dieser Zeit gibt es nicht mehr. Helmut Dietl ebenso nicht. Aber Dietls Serien, Dietls Filme, die gibt es noch. Möchte man zurückblicken, in eine Zeit, in der es nicht Berlin war, sondern München, in der das Leben zu leben wusste, dann wird es immer Dietls Werke geben.

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