„Ihr habt uns angehupt, verfolgt und mit Geldscheinen gewedelt.“ Das stand Ende April mit  Straßenmalkreide auf dem Gehweg vor dem Metropolis-Kino geschrieben . Zusammen mit dem Hashtag #stopstreetharassment und dem Verweis auf einen Instagram-Account. Wenn man bunte Straßenmalkreide auf der Straße entdeckt, erwartet man meist Zeichnungen von Kindern, die von Kreativität und Unbeschwertheit zeugen. Was bedeutet nun dieses beunruhigende Zitat?

Der Regen der letzten Woche dürfte die Zeilen längst weggespült haben. Damit sie dennoch nicht vergessen werden, dokumentiert der Instagram-Account @catcallsofpassau die Aktion und liefert noch mehr Hintergründe zu dem Vorfall. Man findet dort noch mehr solcher befremdlicher Zitate, alle mit Straßenmalkreide auf Passauer Boden geschrieben, unter anderem bei der Stadtgalerie oder am Innufer. Weiter gibt es Beiträge von Post-It Zetteln mit darauf gekritzelten Fragen.

„Entscheidest DU was du anziehst?“

„Was ist eigentlich catcalling?“

Hannah und Miriam (v.l.)

Wer steht hinter der Aktion?

Die Aktion ist eine Initiative der beiden Joko-Studentinnen Hannah Jäger (21) und Miriam Kinzl (19). Die beiden sind gerade aus ihrem Auslandssemester zurück in Passau und möchten ein Zeichen gegen Belästigung setzen. Diese haben sie in Passau auch selbst schon mehrmals erleben müssen. Die Frage, was catcalling ist, beantworten sie auf ihrem Instagram-Account so:

„Sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Die häufigste Form ist Hinterherpfeifen. Bei sexueller Belästigung handelt es sich um unerwünscht sexuell bestimmtes Verhalten, durch das sich eine Person unwohl und entwürdigt fühlt. HINTERHERPFEIFEN ist KEIN Kompliment!“

Sie sind nicht die Ersten, die so auf catcalling aufmerksam machen. In New York kam Sophie Sandberg die Idee, die vielen alltäglichen catcalls auf der Straße „anzukreiden“ und das anschließend auf Instagram zu teilen. Die Aktion traf auf viel Resonanz, heute hat ihr Account catcallsofnyc 183 Mio. Follower. In vielen anderen Städten wie London, Berlin oder München wurde die Idee aufgegriffen. Hannah und Miri hörten in einem Podcast ein Interview mit der Organisatorin von catcallsofhannover und kamen so auf die Idee, die Aktion nach Passau zu holen. Die beiden bezeichnen sich selbst als „kleine Weltverbesserinnen“ und sind froh, trotz der Corona-Krise aktivistisch anpacken zu können.

Wie funktioniert das nun?

Jede*r der/die schon mal catcalling erlebt hat, kann sich über den Instagram-Account an Hannah und Miriam wenden. Die beiden werden dann den Vorfall mit Kreide auf die Straße schreiben, dort wo er passiert ist. Das ganze wird dann abfotografiert und auf Instagram aufgearbeitet.

Die beiden hoffen, dass die Aktion denjenigen hilft, die schon einmal catcalls erlebt haben. Die Opfer sollen sich nicht allein fühlen und die Schuld nicht bei sich selbst oder ihren Klamotten suchen. Die andere Hoffnung ist natürlich, dass ein Umdenken stattfindet und die Menschen verstehen, dass Hupen oder Hinterherpfeifen eben kein Kompliment ist.

Wo ist der Unterschied zwischen einem Catcall und einem Kompliment?

„Ein Kompliment bietet immer die Chance zur Reaktion. Man möchte, dass der oder die andere sich darüber freut und sich gut fühlt.“ erklärt Miriam. Genau das ist bei catcalls  nicht der Fall. „Wenn man gar nicht reagieren kann und es keinen Austausch gibt, dann fühlt man sich objektiviert und unsicher.“ ergänzt Hannah. Catcalls seien eben nicht nett gemeint.

Der „Kreideaktivismus“, wie die beiden JoKo-Studentinnen es nennen, hat viele Vorteile. Durch die analoge Form ergibt sich eine breite Reichweite und es ist ganz legal. Es zeige auch, dass Aktivismus eben nicht immer kompliziert und aufwendig sein muss, sondern auch mit ganz einfachen Mitteln funktionieren kann. Hannah und Miriam sind interessiert an Politik und gehen auf Demos; sie wollen anpacken und Zeichen setzen. Zur Zeit der Corona-Krise ist das zwar nicht mehr so möglich, für die Aktion catcallsofpassau sind die Bedingungen optimal.


Auf dem Instagram-Account findet ihr alle catcalls und weiteren Infos. Wenn ihr selbst schon einmal catcalls erlebt habt, meldet euch gerne bei Hannah und Miriam:

https://www.instagram.com/catcallsofpassau/

 

Fotos: zur Verfügung gestellt von Hannah und Miriam

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