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Wegen jedem Spatz ruft jemand an

Bild via Pixabay by Arcaion

Vor 24 Jahren gründete Gerda Machowetz das Tierheim Passau. Bis heute hat die 77- Jährige hunderte Vierbeiner vermittelt und denkt nicht mal daran aufzuhören. Trotz aller Herausforderungen.

Passau. Eigentlich ist heute Ruhetag. Ruhe ist im Tierheim ein dehnbarer Begriff. Einer der Hunde hat angefangen zu bellen, die anderen steigen sofort mit ein. Der Hundechor übertönt beinahe das Telefon in Gerda Machowetz Büro in der kleinen Gartenhütte gegenüber von den Zwingern. Der Anrufer hat einen verletzten Raben gefunden. Jemand muss ihn abholen. Mit ihren knallorange lackierten Fingernägeln streicht Machowetz sich durch die dunkelrot gefärbten Haare. Wo bloß hin mit dem Raben? Hier, im Tierheim, kennt sich keiner so wirklich mit Wildvögeln aus. Gerda Machowetz sagt aber nicht gerne Nein. Vor allem nicht, wenn ein Tier ihre Hilfe braucht.

Seit 24 Jahren organisiert Machowetz den Alltag im Tierheim Passau. Angefangen hat alles 1992: Die gebürtige Passauerin gründet die Tierschutzbewegung Ostbayern. Ein Jahr später kauft sie ein Anwesen am Rande des Neuburger Waldes, ein paar Kilometer außerhalb der Stadt, das sie zunächst als Gnadenhof nutzt. Als 1995 das örtliche Tierheim in Buch schließen muss, weitet Machowetz den Betrieb aus: „Das hat sich verselbstständigt. Man schlittert da hinein und kommt dann nicht mehr raus“. Heute kümmern sich neben Machowetz und Tierheimleiterin Bettina Mittler fünf Tierpfleger um die 30 Hunde und 40 Katzen. Die Kapazitäten sind bei weitem ausgeschöpft.

Gerda Machowetz vor ihrem Büro

Fast täglich werden neue Tiere abgegeben

Doch das Telefon klingelt in letzter Zeit immer öfter. „Wegen jedem Spatz, der aus dem Nest fällt, ruft jemand an“, erzählt Tierheimleiterin Bettina Mittler. Und jetzt noch der Rabe. Eigentlich hat Mittler seit letzter Woche Urlaub. Zusammen mit ihrer Tochter wohnt sie auf dem Gelände des Tierheims. Und springt dann doch immer ein. „Sie kann nicht anders“, sagt Machowetz über ihre Kollegin. Für den Raben hat Mittler schon eine Idee. Sie kennt jemanden von der Wildvogelhilfe in Obernzell. Bis sie die erreicht hat, soll der Vogel im Tierheim unterkommen. Mit einem Pappkarton in der Hand eilt sie in Richtung Auto.

Machowetz widmet sich wieder ihren Akten. Jedes Tier, das durch das Tierheim vermittelt wurde, hat seine eigene. Mittlerweile sind es so viele, dass sie sich bis unter die Decke der Holzhütte stapeln. Die Akten von vor 15 Jahren können weg. „Die Tiere sind jetzt eh tot“, sagt Machowetz. Nach all den Jahren aufhören? Das kommt für sie nicht in Frage: „Man sieht die Notwendigkeit, dann kann man nicht sagen‚ ich will nicht mehr“. Schwungvoll packt sie einen der Ordner in einen Umzugskarton. Davon wird Lilli wach, Machowetz hellbraune Wuschelhündin, die in ihrem Körbchen neben dem Schreibtisch liegt.

Lilli teilt sich ihre Besitzerin seit neustem mit einem schwarzen Chihuahua. Geboren in einer Art Hundefabrik, wurde er zusammen mit einer Schar anderer Welpen zum Verkauf nach Deutschland geschmuggelt. Der Transporter wurde von der Polizei gestoppt, die Welpen beschlagnahmt und in die umliegenden Tierheime verteilt. So kam der Chihuahua zu Gerda Machowetz.

Das Geschäft mit den Welpen boomt. Laut Deutschem Tierschutzbund haben sich die registrierten Fälle von illegalem Heimtierhandel 2017 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Die meisten Transporte kommen aus Osteuropa. Viel zu jung, ungeimpft und häufig krank werden die Hunde hierzulande zu „Schnäppchen-Preisen“ verkauft. Allein an den bayerischen Grenzen beschlagnahmen die Behörden laut Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz mehrere hundert Welpen pro Jahr.

Vier verschwundene Hunde

Eigentlich haben Machowetz und Mittler entschieden, solche Welpen nicht mehr anzunehmen. Zu oft mussten sie die aufgepäppelten Tiere wieder an die Besitzer aushändigen, sobald diese die anfallenden Tierarzt- und Unterbringungskosten gezahlt haben. So steht es im Gesetz. „Das sind oft komische Typen. Das tut weh, denen die Welpen wieder zu geben“, sagt Machowetz. Im Juni haben Machowetz und Mittler sich geweigert, vier solcher Hunde an den ursprünglicher Besitzer zurückzugeben. Als die Polizei kam, um die Hunde zu holen, waren diese verschwunden. Mittler droht deswegen sogar eine Haftstrafe: Bis zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren reicht der Strafrahmen bei „veruntreuender Unterschlagung“, wie sie der Tierheimleitung vorgeworfen wird. Bis heute möchte Mittler sich zum Verbleib der vier nicht äußern.

Fehlende Unterstützung – Auch von Seiten der Stadt

Auch finanziell hat das Tierheim zu kämpfen: Mindestens 10.000 Euro kostet die Pflege und Unterbringung der Tiere monatlich. Ein Großteil der Kosten wird durch Spenden, Schutzgebühren vermittelter Tiere und die rund 600 Mitglieder der Tierschutzbewegung getragen. Zehn Prozent zahlt die Stadt Passau. „Gerade mal 30 Cent pro Einwohner bekommen wir. In anderen Städten sind es mindestens 50 Cent und alles wird teurer“, sagt Machowetz. Sie fühlt sich von der Stadt nicht ausreichend unterstützt. Im Stadtrat gebe es nur zwei Räte, die sich für den Tierschutz einsetzen, „aber die können sich nicht durchsetzen“.

Endlich hat Mittler die Wildvogelhilfe erreicht. Sie dürfen den Raben vorbeibringen. Es ist schon spät. Machowetz wollte ohnehin bald nach Hause fahren. Die Wildvogelhilfe liegt auf dem Weg. Als sie an ihrem silbernen VW Polo ankommt, öffnet sie zuerst die Beifahrertür. Für Lilli und den Chihuahua. Und „Auf“, da sitzen die beiden schon auf dem Beifahrersitz. Der Karton mit dem Raben kommt auf die Rückbank. Dann geht es los. Die Reifen knirschen auf dem Schotterweg. Der Rabe schlägt mit seinen Flügeln gegen den Karton. Ein Warnsignal ertönt. Machowetz ist noch nicht angeschnallt. Mit der rechten Hand kramt sie in der Jacke nach ihrem Handy, um daheim anzurufen. Sie kommt heute etwas später. Muss noch kurz einen verletzten Vogel retten.

 

Das Tierheim sucht auch derzeit freiwillige Helfer für kleinere Gartenarbeiten oder die Betreuung der Website. Kontaktdaten sind zu finden unter: tierheim-passau.de

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