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Teil 3: Tausche Deutschlandliebelei gegen Apathie

Tendu 91%

Ich flüster‘ euch mal was, so ganz unter uns. Nicht, dass ich gleich in der Pegida-Schublade lande. Lauscher auf: Ich liebe Deutschland, und gebt es zu, ihr tut es auch. Brezel, Brot und Bier, Merkel, Bismarck und den Euro – was will man mehr. Wir lieben Pünktlichkeit, Ordnung und Mülltrennung, und dass es Regeln gibt, die mir sagen, wann und wie lange mein Hund bellen darf. Wir dürfen plappern, wie uns die Schnute gewachsen ist und uns mit Piercings und Tattoos bis zur Unkenntlichkeit schmücken. Herrlich.

In Belarus sieht das mit der Zufriedenheit irgendwie anders aus. Ich wurde oft von Einheimischen gefragt, wie es mir hier gefällt und nicht selten reagierten sie auf meine Antwort, die – um an dieser Stelle Friedrich Kautz zu zitieren – „ ..ich denke zu Ende und sage okay“ lautete, mit erhobenen Augenbrauen und den Worten: „Das glaube ich nicht, hier kann es doch keinem gefallen.“  Diese extreme Unzufriedenheit fällt nicht nur Touristen auf (Halt, welche Touristen?), auch Einheimische geben zu, dass sie nicht so ganz in love mit ihrem Heimatland sind. Irgendwie ist alles doof, der Arbeitsmarkt, der Präsident (aber pssst), das Bildungs- und Sozialsystem generell. Welche Parteien im Parlament sitzen? Kann mir keiner sagen. Wofür die Regierung die Steuergelder ausgibt, wenn Sozialleistungen mehr Schein als Sein sind?  „Keine Ahnung, habe ich aber auch noch nie drüber nachgedacht.“  Keiner weiß von nichts, aber alle sind still und keiner revolutioniert, sonst gibt es schneller nur noch Wasser und Brot als der Diätplan vorgesehen hat. Vergangenen Mittwoch fand eine Demonstration statt –  die erste richtige seit etwa 5 Jahren –  gegen ein von Lukaschenko eingeführtes Gesetz, das alle Arbeitslose eine monatliche Strafe an den Staat zahlen lassen soll. Schulen und Universitäten wurden dazu aufgefordert, die Schüler doch bitte bis 20 Uhr zu beschäftigen, damit sie ja der Demonstration fernbleiben. Keiner sagt was, alle nehmen die Lage still und ruhig an, wie sie ist.
Denn da ist etwas, das den Belarussen heilig ist: Frieden und Sicherheit.
Als ich mich mit meinen jugendlichen Schülern über das Leben in ihrem Land unterhielt, meinten alle, sie seien froh, in einem Land zu leben, in dem Sicherheit und kein Krieg herrsche. Beeindruckend. Hier laufe vieles anders, als sie es sich wünschten, aber das Land befindet sich nicht im Krieg und das wird – in Anbetracht der Geschichte von Belarus – hoch geschätzt.
Denn diese war hier selten rosig. Egal ob im Streit mit Russland, Polen oder Litauen: Belarus musste sich immer unterordnen und hat so viel von seiner eigenen Kultur verlieren müssen. Die Folgen zahlreicher Kriege und die des 2. Weltkrieges waren hierzulande extrem. Darauf hat keiner mehr Lust. Deshalb sollte Minsk nach dem 2.Weltkrieg als „City oft the Sun“ wiedererbaut werden – mit breiten Straßen und vielen hellen Gebäude im Zentrum. Eine Werbekampagne mit dem Slogan „I love Belarus“ möchte die Bürger dazu aufmuntern, ihr Land wieder lieben zu lernen.
Ganz nach dem Motto: „Make love, not war“.

Trotz allem schaffen es die Leute hier, unfassbar liebenswürdig und gastfreundlich zu sein. Ich wurde selten so umsorgt und herzlich willkommen gehießen wie hier. Vielleicht ist es etwas zu viel verlangt, jetzt „I love Belarus“ zu deklarieren, aber seinen Leute gebührt eine Riesenportion Liebe.

 

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