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Studytube – Fluch oder Segen?

Studytube – Eine Community auf YouTube, die laut BBC dazu beiträgt, Lernen und Studieren „cool“ zu machen. Doch was steckt eigentlich dahinter? YouTuber, wie Ruby Granger, Unjaded Jade oder Eve Bennett drehen Videos wie „get productive with me in lockdown“, „how to prepare for back to university 2021” oder “sunday morning study with me”. Und auch auf Instagram gibt es zahlreiche Accounts, die besonders Studiengänge wie Medizin oder Jura und die Vorbereitung auf ihre Klausuren besonders ästhetisch inszenieren (#studygram). Während viele Follower solcher Kanäle Motivation, Energie und hilfreiche Tipps aus diesen zu ziehen scheinen, erntet das Phänomen Studytube in einigen Artikeln harsche Kritik:

 

„‚StudyTubers‘ are perpetuating pernicious ideas of obsessive productivity, including alarming content such as the ’15 Hour Study Day’ video – which could be devastating to students.” (Impact Magazine)

“Unfortunately, they fail to take into account that their academic self-discipline and standards is not common among their viewers; great for them, but crushing for most.” (York Vision)

 

Und schließlich:

 

“The rejection by Oxford of these paragons of studying virtues serve as further proof that this incessant grind is counterproductive.” (Impact Magazine)

 

Der Ablehnungsbescheid von Oxford, welchen Ruby Granger und Unjaded Jade beide erhalten haben (nicht aber Eve Bennett), soll also ein Beweis dafür sein, dass der vorgelebte Fleiß und die andauernde Produktivität letztendlich doch unproduktiv sei? Eine berechtigte Annahme, die jedoch auch aus anderer Perspektive betrachtet werden kann:

 

“An important element of the StudyTube community is its authenticity, and recognizing that even those who seem the most organized and put together sometimes fail just like the rest of us.” (Sklar)

 

Sprich: Selbst die, die scheinbar härter nicht arbeiten könnten, erleben Niederlagen und Rückschläge.

Ein kontroverses Thema also, welches sowohl positive als auch negative Effekte mit sich bringt. Grundsätzlich wollen StudyTuber eines: Andere motivieren, die Freude am Lernen demonstrieren und Tipps für mehr Produktivität geben. Für Schülerinnen und Schüler können diese durchaus als Vorbild darin fungieren, Bildung und Schule ernst zu nehmen. Mit ihrem Enthusiasmus zeigen sie, dass Lernen sogar Spaß machen kann. Für eine gewisse Zeit funktioniert das sogar, man fühlt sich motiviert, wenn man sieht, dass andere „im selben Boot sitzen“ und auch eine große Menge an To Dos zu bewältigen haben. Das Gefühl der Motivation und die effektive Produktivität ist jedoch nicht immer von Dauer. Das Problem und die Falle welche Studytube häufig mit sich bringt ist die der Toxic Productivity. Ein Begriff, der ein Ungleichgewicht zwischen Produktivität und der eigenen, mentalen Gesundheit beschreibt. Eine Balance zwischen beidem ist jedoch sehr wichtig, wird von 2-hour-study-with-mes jedoch oft untergraben. Da man nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Tag, der Woche und dem Monat von Studytubern gezeigt bekommt, macht es den Anschein, als würden diese kaum etwas anderes machen als zu lernen. Natürlich stimmt das nicht und natürlich kann man ihnen dies nicht vorwerfen, gerade wenn man auf Videos blickt, in welchen sie selbst zugeben in die Spirale von Toxic Productivity geraten zu sein oder sogar zeigen, wie sie lange ausschlafen, sich einen freien Tag nehmen und auch mal „nichts“ tun. Ja, solche Videos gibt es tatsächlich auch auf ihren Kanälen. Dennoch fühlen wir uns oft schlecht und ärgern uns, wenn ein Tag, ja sogar eine Woche oder vielleicht das ganze Semester nicht so läuft, wie wir es uns vorgenommen hatten – nicht so läuft wie bei den Studytubern. Ist der Druck der dabei entsteht aber nur solchen Videos zu verschulden, oder der Art und Weise wie wir diese Videos anschauen?

Das Gefühl, den Erwartungen nicht zu entsprechen, gibt es nicht nur beim Konsum von Studytube. Dass uns Lifestyle und Beauty-Influencer ein falsches Ideal vermitteln und unserer mentalen Gesundheit sowie der eigenen Wahrnehmung des Körpers und Lebens schaden, wird schon lange aus allen Ecken gerufen. Bevor aber nun eine grundsätzliche Diskussion über Social Media und dessen „harmful influences“ losgetreten wird, möchte ich lieber einen Vorschlag, eine Idee, aber keine perfekte Lösung anbieten, um Studytube in einer gesunden Art und Weise zu konsumieren:

 

How to consume Studytube in a healthy way

1. Qualität über Quantität

Dieser Tipp bezieht sich gerade auf solche Videos, in welchen wiederum Tipps gegeben werden, wie man produktiver wird, wie man effizienter arbeitet, und so weiter. Viele dieser Videos beinhalten Tipps, die sich immer wieder um dieselben Ideen drehen. Wir brauchen nicht unzählige Videos anzuschauen, denn DER EINE TRICK auf den wir warten, um wirklich produktiver zu werden, wird nie kommen. Im Grunde reicht ein Video und wir haben die Basics (mal wieder) gehört. Denn eigentlich wissen wir ja alle, was genau wir zu tun hätten, um wirklich produktiver zu sein. Anstatt zahlreiche Videos anzuschauen, deren Tipps wir am Ende schon alle kennen, aber nie wirklich umgesetzt haben, sollten wir uns lieber gezielt Tipps aufschreiben, von denen wir meinen, sie könnten uns tatsächlich helfen. Dann: YouTube aus und wirklich versuchen, das anzuwenden, was wir gerade gehört haben.

2. Nicht alles was glänzt ist Gold

Viele Videotitel auf Studytube beginnen mit „10 tips for…“ oder „10 ways to…“ und so weiter. Was zuerst nach einem Video mit zehn klugen und gewinnbringenden Strategien klingt, mag vielleicht nur zwei oder drei wirklich gute Tipps beinhalten, die bei einem selbst funktionieren. Nicht jeder einzelne Tipp, der einem in solchen Videos gegeben wird, passt auch zu der eigenen Situation, den eigenen Problemen oder den eigenen Zielen. Von daher sollte man differenzieren und auf sich selbst hören. Was kann ich wirklich umsetzen, was wird mir wirklich einen Vorteil verschaffen und was passt vielleicht gar nicht zum eigenen Studium, den eigenen Zielen oder dem persönlichen Lern-Stil und -Rhythmus.

3. Lerntypen

Apropos Lern-Stil; was wir nie vergessen sollten: Es gibt unterschiedliche Lerntypen. Nur weil es für die Person auf Instagram funktioniert, eine zehnseitige Zusammenfassung des Lehrbuchs zu schreiben, heißt es nicht automatisch, dass uns dies genauso hilft wie ihr. Vielleicht, aber nicht unbedingt. Bevor wir also irgendwelche Lernblätter gestalten, die auf Instagram vielleicht besonders hübsch ausgesehen haben, sollten wir uns vorher fragen, was für ein Lerntyp wir eigentlich sind (mehr Infos *hier*). Und sollte es doch der visuelle Lerntyp sein, der von bunten Mindmaps und Überblicken am besten lernt, dann go for it!

4. Bewusst folgen – und auch entfolgen

Dies gilt nicht nur für Studytube sondern natürlich generell für sämtliche Social Media Accounts denen wir folgen. Oft hilft es, einfach mal „auszumisten“ und sämtlichen Accounts zu entfolgen, die bereits beim Anblick schon einen gewissen Druck auf uns ausüben. Dabei sollten wir einfach mal auf das hören, was innerlich in uns ausgelöst wird, wenn wir Inhalte dieser Personen konsumieren. Motiviert es mich tatsächlich, wenn ich ein 2-hour-study-with-me dieser Person anschaue? Oder nervt es mich allein, wenn ich es sehe, dass mal wieder ein solches online gegangen ist? Manchmal ist es auch nicht ganz klar und manche Accounts lösen gemischte Gefühle aus. Dann sollte man dies über einen längeren Zeitraum beobachten, gerade wenn man deren Inhalte regelmäßig verfolgt.

5. Sei dir bewusst, dass Videos nicht immer die Realität widerspiegeln

Stell dir vor du wärst selbst Studytuber und würdest morgens die Kamera auf den Schreibtisch stellen und dich dabei Filmen wie du die nächsten drei Stunden produktiv arbeitest. Vermutlich würdest du tatsächlich weniger aufs Handy gucken, dich weniger ablenken lassen – einfach, weil du weißt, dass mehrere tausend Zuschauer dieses Video später ansehen und vielleicht sogar nutzen, um sich von deiner Produktivität inspirieren zu lassen. Einen solchen Effekt kennt man wahrscheinlich aus der Uni-Bibliothek, in der man irgendwie automatisch produktiv wird, einfach weil alle anderen um einen herum auch arbeiten. Gerade in Pandemie-Zeiten ist sowas natürlich nicht möglich, aber als kleine Alternative (und übrigens sehr empfehlenswert): Lerngruppen per Zoom! Wenn alle die Kamera anhaben, fühlt man sich fast genauso beobachtet wie in der Bibliothek.

 

Auch diese Tipps waren nun vermutlich nichts neues, dennoch wird dieses Wissen oft vom selbstgemachten Druck und den eigenen Erwartungen in den Hintergrund geschoben. Und dann vergisst man schnell, dass Studytuber eben auch nicht immer perfekt sind.

 

 

Quellen:

Sklar, Sophie. ‘How StudyTube Helped Me Overcome My Quarantine Blues’. The Bull & Bear, 20 Apr. 2020, http://bullandbearmcgill.com/how-studytube-helped-me-overcome-my-quarantine-blues/.

‘“StudyTube” Productivity Obsession Threatens To Create “Jaded” Students’. Impact Magazine, 8 Nov. 2020, https://impactnottingham.com/2020/11/studytube-productivity-obsession-threatens-to-create-jaded-students/.

‘Studytubers Have the Right Idea, but Poorly Executed.’ York Vision, 21 May 2020, https://www.yorkvision.co.uk/opinion/studytubers-have-the-right-idea-but-poorly-executed/21/05/2020.

‘The YouTubers Making Studying Cool’. BBC News. www.bbc.com, https://www.bbc.com/news/av/entertainment-arts-43643299. Accessed 31 Jan. 2021.