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„Meinungsbildung“ ist ein Kunstwort

Es gab einmal eine Zeit, da warb die BILD, die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands, mit folgendem Werbeslogan: „Bild dir deine Meinung!“. Am Bahnhofskiosk ausliegend appellierte sie an mich, während ich, auf Zehenspitzen stehend, meine Geolino über den Schalter schob. Im Straßenbild rief sie mir von Zeitungsständern, Fensterscheiben und Plakatwänden hinterher, sogar in der Physikklausur schrie sie mich vom Lehrertisch aus an, wo es sich eine schlechtgelaunte Aufsicht mit einem Käsebrot hinter ihren raschelnden Seiten gemütlich gemacht hatte: „Bild dir deine Meinung!“ In der Physikklausur schrieb ich damals übrigens eine 4-, zu wenig Fachverständnis. Und zu wenig Meinung.

Eine Meinung über Meinungen von Isabel Groll

Physik konnte ich zum Glück irgendwann abwählen, das andere Defizit ist geblieben und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass der Werbeslogan der BILD nicht nur ein gelungener Wortwitz, sondern die Versprachlichung meiner größten Angst ist: Keine Meinung und keine Ahnung zu haben.
Dabei gab es nie bessere Zeiten für ungebremste Meinungsbildung und Meinungsvielfalt als die Heutige. Die freie Meinungsäußerung wird im Artikel 5 unseres Grundgesetzes garantiert, weltweit liegt Deutschland auf Platz 16 von 183 bei der Pressefreiheit. Ich darf Angela Merkel unsympathisch finden und die AfD wählenswert, ich kann Politik, Parteien, Pizzalieferdienste mit gut, mittel und so eine Unverschämtheit bejubeln, bewerten oder beschimpfen. Jede meiner Meinungen zum Jamaika-Bündnis, BER oder Gesetz für das 3. Geschlecht würde akzeptiert werden. Und trotzdem fühle ich mich über all diesen Möglichkeiten, meinen Senf dazuzugeben, oft schon wie eine leergequetschte Tube, bevor ich überhaupt den Mund geöffnet habe.

„Die Meinung ist die Begründung der Entscheidung.“

Es ist lang bekannt, dass es dem Menschen mit ansteigenden Auswahlmöglichkeiten immer schwerer fällt, eine Entscheidung zu treffen und dass uns das frustriert, überrascht auch nicht besonders. Links oder rechts, rot oder grün, Schoko oder Vanille sind Herausforderungen, denen ich mich im Alltag gerade so noch stellen kann. Fragt man mich aber warum, weshalb und wozu, beginnen meine Finger zu zittern und lassen vor Schreck das Schokoeis fallen. Die Meinung ist die Begründung der Entscheidung, wer Stellung für sein Handeln oder Denken beziehen will, muss nachgedacht haben. Und sich auskennen.

Allzu oft scheitert es wohl am Letztgenannten. Hat man wirklich schon genug Bücher gelesen, genug Podiumsdiskussionen beigewohnt, ausreichend Zeitung gelesen um überhaupt eine vage Idee entwickeln zu können, ob man für eine Obergrenze ist oder nicht? Wozu gibt es denn schließlich Politiker und andere Anzugträger, wenn nicht dazu, sich den Kopf über die Themen zu zerbrechen, denen ich mich nicht gewachsen fühle? Nein, ich verstehe schon, hier herrscht Demokratie, dem beliebten Volkssport, in der doch jedes Wort von jedem zählt und es keine dummen Fragen oder Antworten geben kann.

„Gleiches Recht für alle“ ruft man aus dem Bundestag, außer für die AfD und alles was noch rechter ist, denn die argumentieren nicht sachlich. Sachliche Argumentation, das wünsche ich mir auch, nicht nur für die zukünftigen Moderationen der Berliner Runde, sondern auch für mich selbst. Aber je länger man zuschaut, desto mehr verfällt man einer gewissen Sinneserschöpfung, glaubend, dass doch keine Meinung mehr etwas zählt, wenn sie nicht politisch korrekt, gender-freundlich, sachlich, differenziert und wohlüberlegt ist. Durften Meinungen jemals emotionsgesteuert sein? Waren nicht immer ihre faktisch basierten Pendants hilfreicher und deswegen gesellschaftlich geschätzt? Und hat Meinungsbildung überhaupt noch einen Sinn, wenn es doch immer jemanden mit genau gegensätzlicher Überzeugung gibt, wenn doch eh alles relativ ist?

Wissen wir genug, um uns eine Meinung zu bilden?

Aus Angst, nicht über alle Facetten eines Sachverhaltes informiert zu sein, schweige ich liebe und male mit der Schuhspitze Kreuze in den Staub, während ich anderen bei ihren Diskussionen zuhöre, die mir alle zu einseitig, zu unkonkret, zu dahingeschlunzt sind. „Das hat er vergessen“, denke ich und greife in meine Brottüte. „Das ist diskriminierend“, überlege ich und schnippe Leinsamen vom Brötchen, wohlwissend, dass es noch so viele gibt, die genauso über meine Beiträge urteilen könnten.

Ich fühle mich nicht vorbereitet auf eine Gesellschaft, die mir Meinungsbildung abverlangt, denn die echte, die richtige Meinung, die unfrisierte Meinung, die ist doch längst zum schimmelnden Schandfleck am Rücken von radikalen Gesinnungen degradiert worden. Gäbe es doch endlich einer zu, dass „Meinungsbildung“ ein Kunstwort und „Abwägung“ die Devise unserer Kommunikation geworden ist! Dann könnte ich auch endlich wieder ein Schokoladeneis bestellen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen…

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