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Ich, die Lügenpresse

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Eine Diskussion mit einem Leipziger AfD-Mitglied
Dieses Gespräch ist genauso passiert und (leider) keine Fiktion. Ein Erlebnisbericht.

Neulich in der Fußgängerzone. Ich, 21, Praktikantin bei einem Radiosender, laufe durch die Straßen und frage die Passanten für eine Umfrage, ob die AfD ihrer Meinung nach vom Verfassungsschutz überwacht werden soll. Die Antworten? Gemischt. Ein Großteil der jungen Leute unter 20 versteht die Frage nicht, die Mehrheit der Rentner ist dagegen. Eine Frau, Ende 60, lange, graue Haare, weckt mein Interesse. Sie unterhält sich lautstark mit einer anderen Passantin auf sächsisch. Die Frau ist stark geschminkt, trägt einen Rock und eine schimmernde, rosa-goldene Bluse. Sie sieht aus, als hätte sie reich geheiratet. Erfreut, wenn auch mit leichten Vorurteilen, weil ein Teil von mir schon ahnt, was jetzt kommen wird, stelle ich meine Frage. Was folgt ist eine fast viertelstündige Diskussion über Hitlergrüße, die DDR, „Neger“ und über mich, eine kleine Praktikantin. Die Lügenpresse.

„Wären Sie dafür, dass die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet wird?“ „Nein! Auf kei-…, ich bin selbst in der AfD“. Ich versuche, nicht alle Sachsen über einen Kamm zu scheren – aber bei dieser Frau fällt es mir schwer.
„Wenn die AfD Seite an Seite mit Nazis in Chemnitz demonstriert, macht Ihnen das keine Sorgen?“ „Das kann ja auch getürkt sein!“ „Warum glauben Sie das?“ „Weil ich das glaube“. Totschlagargument. Jetzt hat sie mich. „Kennen Sie die [politischen] Aussagen von Björn Höcke?“ Um ein Haar hätte ich Bernd Höcke gesagt. „Ich kenn mich schon aus, aber ich sage da nichts zu, weil mich das nur aufregt. Erstens wird nicht richtig berichtet, immer falsch…“ „Was wird denn falsch berichtet?“ „Alles. Die ganze Presse berichtet falsch!“ „Wieso?“ „Ja, weil ich’s weiß. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass sich das ganz anders abspielt und das wird dann verdreht.“ „Von welcher Quelle?“ „Von allen.“ „Können Sie konkrete Beispiele sagen?“ „Ich kann genug konkrete Beispiele sagen.“ „Bitte.“
Ich merke, wie die Leute in der Fußgängerzone vorbeilaufen und ihre Augen nicht von uns lassen können. Zu meinem Bedauern liegt das aber nicht an der rosa-goldenen Bluse der Frau.
„Meine Angehörigen, die wohnen in Chemnitz. Die können sich am Roten Turm [Anm.: einer Einkaufsgallerie in Chemnitz] nicht mehr sehen lassen, die Frauen werden begrabscht, vergewaltigt. Nix!“ Ich frage sie, von wem denn begrabscht und vergewaltigt wird. Von „denen“. Aber wer sind „die“? Erst auf mehrfache Nachfrage gesteht sie ein, dass sie (wie nicht anders zu erwarten) von Flüchtlingen spricht.“Wissen sie, warum die hier reinkommen? Um uns abzuzocken“. Eines Tages würden „die uns alle die Kehle durchschneiden“. Sie hätte schon einmal einen Untergang erlebt, von der DDR. Und sie wisse genau, dass das die gleiche Situation ist.
Ich will nicht in Abrede stellen, dass die Kriminalitätsrate nach der hohen Zuwanderung 2015 gestiegen ist. Das gab Ex-Innenminister de Maizière 2016 nach einem leichten Anstieg der Kriminalitätsrate sogar zu. Aber: Die meisten Opfer von Straftaten, die von Geflüchteten begangen werden, sind andere Flüchtlinge.
Und: Die Kriminalitätsrate ist dieses Jahr wieder gesunken und auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren.

Die DDR haben wir hinter uns gelassen, da sind wir schon beim zweiten Weltkrieg. „Damals, als Deutschland im Arsch war, ist ja auch keiner gekommen, um zu helfen“. Als ich sage, dass doch die Alliierten gekommen sind, sagt sie: „Ja, die Alliierten. Aber sind da Neger gekommen oder irgendwas? Ist auch niemand gekommen.“ Sicher. Weiß man doch, dass in den USA und Großbrittanien ausschließlich weiße Menschen leben dürfen. „Das Sie jetzt das Wort ‚Neger‘ benutzen, zeigt mir, dass meine Meinung über die AfD stimmt“. Aber das Wort „Neger“ würde sie schon immer und wird sie auch immer benutzen.

Aber wie ist das denn nun mit der AfD und den Nazis?
„Wie stehen Sie dazu, dass Nationalsozialisten in Chemnitz den Hitlergruß gemacht haben?“ Es folgt eine Diskussion, was denn die Demonstrationen in Chemnitz mit dem Hitlergruß zu tun haben. Nichts, laut der AFDlerin. Dann lenkt sie vom Thema ab:
„Und was ist mit den Linken?“ „Die Linken haben keinen Hitlergruß gemacht.“ „Wissen Sie genau, dass die nicht geschickt werden, um den Hitlergruß zu machen? Dass das nicht getürkt ist? Das kann ich auch machen.“ „Warum sollten die Linken das machen?“ „Um die Partei zu unterwandern!“ Auf meine Anfangsfrage bekomme ich keine klare Antwort. Soviel dazu, dass die AfD mit Rechtsextremen nichts zu tun haben will.

Mir ist bewusst, dass dieses Gespräch nicht alle Parteimitglieder repräsentiert und, dass meine Argumentation wahrscheinlich zu subjektiv war. Trotzdem gibt es einen (erschreckenden) Einblick in die Logik und Inhalte zumindestens eines Teils der Partei. Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich die Frau nicht noch mehr gefragt habe. Nach ihrem Alter, Namen, Bildungsabschluss. Nach ihrem Kontakt zu Migranten und Asylbewerbern und ihrer Hauptnachrichtenquelle. Vielleicht nächstes Mal. Ich zumindest lerne aus dieser Diskussion. Zum Beispiel, dass das Bild, dass ich von der AfD habe, begründet ist.

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