Geistloser Grusel – „Ghost Stories“ im Kino

Es hätte so schön werden können. Das ist der erste Gedanke, der dem Zuschauer durch den Kopf geht, wenn der Abspann von „Ghost Stories“ einsetzt. Handelt es sich hierbei um einen schlechten Film? Nein, nicht wirklich. Doch das hält ihn dennoch nicht davon ab, in letzter Instanz zu enttäuschen.

Aber der Reihe nach. Womit genau haben wir es hier zu tun? „Ghost Stories“ basiert auf dem gleichnamigen erfolgreichen britischen Theaterstück von Jeremy Dyson und Andy Nyman. Das Autorenduo hat auch bei der Leinwandadaption wieder Drehbuch und Regie übernommen. Besonders positiv hervorheben muss man hier die unkonventionelle Struktur des Films. Die Hauptfigur, Phillip Goodman (gespielt von Andy Nyman), ist Psychologieprofessor und steht allem Übernatürlichen äußerst skeptisch gegenüber. Er ist der Meinung, dass man jedes Ereignis irgendwie rational erklären kann. Eines Tages wird er von einem offiziell für tot erklärten Parapsychologen mit der Aufarbeitung von drei scheinbar unlösbaren übernatürlichen Fällen beauftragt. Er besucht die Menschen, welche angeblich die Opfer von Spuk geworden sind und lässt sich ihre Geschichten erzählen. Während seiner Ermittlungen gerät jedoch Goodmans rationales Weltbild immer mehr ins Wanken und er beginnt nach und nach an seinem eigenen Verstand zu zweifeln.

Wir haben es hier also mehr oder weniger mit einem Horror-Episodenfilm zu tun. Dieses Subgenre hat gerade in England Tradition, man denke nur an die Amicus-Filmschmiede, welche in den 60er und 70er Jahren auf genau solche Produktionen spezialisiert war. Im Falle von „Ghost Stories“ nimmt die Rahmenhandlung vergleichsweise viel Platz ein, was jedoch lediglich zusätzlich unterstreicht, dass der Fokus des Films auf der Charakterzeichnung liegt und ihm damit eine eigene Note gibt. Die drei einzelnen Episoden sind hübsch umgesetzt und machen Spaß. Der Film gibt sich bewusst altmodisch, soll heißen, das Hauptaugenmerk liegt auf Atmosphäre und Schauspielern (insbesondere Alex Lawther und Martin Freeman stechen positiv hervor), nicht auf Blut und grellen Pseudo-Jumpscares. Dabei ist er durchweg erfolgreich, „Ghost Stories“ ist spannend, gut geschauspielert und gruselig und somit (in der Art eines klassischen Gruselfilms) angenehm anzuschauen. Auch eine gewisse emotionale Tiefe ist vorhanden, so streift der Film öfters die Gefilde des Dramas, insbesondere gegen Ende. Hier und da blitzt auch ein wenig schwarzer britischer Humor auf, welcher das Gesamtbild abrundet. Der Film bemüht sich nicht, das Rad neu zu erfinden, was jedoch absolut in Ordnung ist. Die einzelnen Geschichten drehen sich um den Nachtwächter in einer ehemaligen Irrenanstalt, eine unheimliche Begegnung während einer nächtlichen Autofahrt durch den Wald und eine Begegnung mit einem Poltergeist. Die Schockmomente sind wohldosiert und effektiv inszeniert. Doch wo liegt nun das Problem mit dem Film?

Nun, hier ist der Film noch nicht vorbei. Denn nachdem die drei Episoden abgefrühstückt sind, folgt das große Finale der Rahmenhandlung. Dieses kommt mit einer Reihe von überraschend surrealen Bildern daher und setzt weniger auf Horror als auf emotionalen Tiefgang. Hier ist noch nicht alles verloren, doch der geneigte Zuschauer wittert dabei bereits, dass das ganze Geschehen auf der Leinwand in den letzten Minuten ein bisschen sehr willkürlich daherkommt. Und dann wird der große finale Twist enthüllt, welcher dem Film endgültig das Genick bricht. Der Hauptgrund, weshalb man diese Wendung nicht kommen sieht, ist schlicht und einfach, dass man beim Betrachten von „Ghost Stories“ niemals vermuten würde, dass der Film ein derart einfalls- und irgendwo auch würdeloses Ende nehmen könnte. Und nicht nur, dass es sich um einen Twist handelt, den inzwischen jeder Grundschüler bereits kennt und der selbst in den Amicus-Produktionen der frühen 70er niemandem mehr auch nur ein müdes Lächeln entlockt hätte, nein, das Ende ist eigentlich auch ein riesiger Stinkefinger in Richtung Publikum. Bei einem derartigen Film, der von der Nostalgie und dem Wohlwollen des Zuschauers lebt, wäre ein simples und sogar vorhersehbares Ende letztlich kein Problem gewesen. Aber hier wird schamlos geschummelt und „Ghost Stories“ entwertet in den letzten 20 Minuten alles, was der Zuschauer zuvor gesehen hat und gipfelt in einer sowohl filmischen als auch narrativen Bankrotterklärung.

So gesehen kann man also eine Empfehlung für „Ghost Stories“ aussprechen, allerdings sollte der geneigte Zuschauer den Film am besten nach etwa 70 Minuten abbrechen, damit er nicht spätestens beim Einsetzen des Abspanns genervt aufstöhnt und mit den Augen rollt. Denn so bleibt letzten Endes trotz stilvoller Gruselszenen nicht viel mehr als ein geistloses B-Movie übrig.