Junge, gutaussehende Menschen mit diversen Kopfbedeckungen die über alle Maßen hip und locker wirken. Eine ausgefallene Location, mit urbanem Charme und einer auf coole Art und Weise abgenutzten, zusammengewürfelten Einrichtung. Selbstverständlich sind alle gut gelaunt, das Männer-Frauen-Verhältnis ist perfekt ausgeglichen und ach ja: eine Kanadische Indie-Rock Band die im Wohnzimmer spielt, das wär noch was! – Ein Szenario, das wir aus Musikvideos von und mit Robin Schulz und Werbespots für Biermischgetränke kennen. Ein Szenario, von dem wir sicher waren es nur auf MTV zu finden. Oder bei einer unzugänglichen Berliner Szeneparty. Einem Hipster-Paralleluniversum.

Live-Radiosendung auf der Dachterrasse

Genau das spielte sich jedoch am vergangenen Dienstag in unserem beschaulichen Passau ab. Das schwarze Loch zum Zweit-Kosmos des Nachlebens öffnete sich. Aber jetzt mal von vorne: Seit diesem Jahr tourt der Berliner Radiosender FluxFM durch die Republik und bietet Musik auf Rädern an – radiobetreutes Wohnen. In jeder Stadt quartiert sich das Radioteam für einen Abend in einer WG ein und sendet einen Stunde lang aus deren vier Wänden inklusive Bewohner-Interviews und Livemusik. Anschließend spielt eine namenhafte Band im Zimmer nebenan, worauf das Event in eine Aftershow/WG-Party übergeht.
In Passau war Moderator Dan Eckhardt (der übrigens seine Jungfräulichkeit zu „Walking in my Shoes“ von Depeche Mode verloren hat) zu Gast bei Daniel, Caro, Fabo, Flo, Sara und Lea. Die sympathisch-charismatische WG erzählt von den Eigenarten ihres Zusammenlebens während gefühlte 30 Jägermeistershots (sponsert übrigens die ganze Sause) und 50 Zigaretten vernichtet werden. Zwischen dem fröhlichen Hin und Her zwischen Moderator und Bewohner wird deren WG-Musik eingespielt, wie z.B. Temperature von Sean Paul oder „Gentleman of The Year“ von den Beatseaks, aber natürlich der „Drunken Masters Remix“.

Von Daniel, Hypochonder aus Leidenschaft, erfahren wir, was guter und schlechter Zucker ist und was genau „sick“ und „wack“ bedeuten. Sick war beispielsweise der Abend als die Truppe einen Spanier zu Besuch hatte, der den Ausruf „Luge oder nicht?!“ (wird an diesem Abend noch oft lautstark kollektiv ausgerufen) beim Spiel ‚Wahr oder Falsch‘ prägte. Wack ist das meistens nur Frühaufsteherin Lea (das möchte sie unbedingt ändern) warm duschen kann, dafür funktioniert die LED-Disco-Funktion der Dusche immer einwandfrei. Blondine Caro feiert dann gerne in der Dusche weiter.

Immer verlassen kann man sich auf den Ruhepol der WG: Fabo. Flo (der sich bei Spieleabenden wutentbrannte Käseschlachten mit Daniel liefert) berichtet Nordlicht Dan noch von den innerbayerischen Differenzen, wie die Niederbayern behaupten die Oberbayern wären „keine richtigen Bayern“ und umgekehrt. OC. California deklariert Sara als die offizielle WG-Serie. Gefeiert wird entweder im Frizz („Was machen wir schon wieder hier?“) oder im hauseigenen Poolhaus. Ja richtig, die WG hat einen Pool.

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Nachdem das FluxFM Team knapp 600 Kilo Equipment in den 1. Stock, Nähe Hauptbahnhof Passau, geschleppt hat, wurden sie erstmal von den Bewohnern bekocht, „was absolut nicht selbstverständlich ist“ sagt Katja von FluxFM, zuständig für alles Organisatorische, von Band Booking bis Regie. In jeder Stadt läuft die „Feierabend“-Sendung anders ab. In großen Städten seien die Leute verwöhnt von außergewöhnlichen Events. In Passau ist das noch was Besonderes. Zuerst wurde für diese Rubrik eine Probeversion in Berlin, Moabit mit Mega! Mega! gestartet. Danach ging die WG-Tour weiter nach Köln, wo unerwartet über 100 Leute mit der Band Susanne Blech feiern wollten. „Da hab ich echt befürchtet, dass der Boden gleich durchbricht.“ erinnert sich Katja Schürman.

Das seltsamste Erlebnis hatte Katja jedoch bei Station Nummer Zwei: Münster. „Als wir nach der Aftershow-Party abfahrbereit um ca. halb eins im Van saßen, haben einfach zwei Partygäste eine Matratze aus der WG heraus getragen, keine Ahnung warum.“ Danach ging die Tour weiter über München nach Passau. In den kommenden Wochen wird das Feierabend-Team noch Heidelberg, Trier, Halle, Braunschweig, Bremen, Kiel und Greifswald beglücken bevor es wieder zurück nach Berlin geht.

 

Live Konzert im Wohnzimmer

Mit riesigen Boxen, Schlagzeug, Mikrofonen und diversen Kabeln wurde das Wohnzimmer zur Konzerthalle umfunktioniert. Der Live-Act des Abends waren die Arkells. Eine Kanadische Indie-Rock Band die derzeit mit den Augustines auf  Tour ist und sich für einen Abstecher in schöne Niederbayern bereit erklärt hat. Was kanadische Fans nur hinter einer Absperrung in einer Konzerthalle mitbekommen, können die Studenten Passaus an diesem Abend hautnah in einem fast schon privaten Rahmen erleben. Sänger Max Kerman holt Gäste hinters Mikro und mischt sich in den kleinen Kreis bestens gelaunter Zuhörer. Das alles wäre bestimmt der Renner als Gutschein bei mydays. („Weil’s drauf ankommt, wie‘s ankommt!“) Die Band gibt noch eine Zugabe, dann verteilt sich das Mützen, Hüte und Caps tragende Partyfolg wieder auf Wohnung und Dachterrasse. Beschallt wird jetzt von einem Berliner DJ.

Es wird wieder jede Menge Jägermeister, pur und gemischt, ausgeschenkt, denn der Feierabend Sponsor möchte wieder jünger und hipper wirken. Und wo könnte das besser gehen als hier? Noch lange wurde gelacht, geredet und Jägermeisterflaschen geleert. Beim Verlassen der Wohngemeinschaft komme ich noch an zwei Studentinnen vorbei die sich kichernd und mit ihren Haaren spielend mit dem Bassisten der Arkells unterhalten. Mit den Händen in den Manteltaschen gehe ich im Scheinwerferlicht nach Hause. Das Bild verschwimmt. Der Ton wird dumpf. Abblende. MTV macht Werbung.

 

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