Julius unterscheidet sich von den meisten Studenten an der Uni Passau. Er sitzt im Rollstuhl, macht unkoordinierte Bewegungen und das Sprechen fällt ihm schwer. Seine Behinderung stört ihn aber nicht – mit viel Humor hat er seine eigene Strategie entwickelt, damit umzugehen. Seine Mutter Frida unterstützt ihn bei allem, sie besucht jede Vorlesung und jedes noch so überflüssige Tutorium. Außerdem hilft sie beim „Übersetzen“ von Julius Worten. Ein Interview mit Julius und Frida: Wie funktioniert ein Studium mit Behinderung?

 

blank: Welche Behinderung hast du und wie zeigt sie sich in deinem Alltag?

Julius: Ich habe Athetose, das geht mit schraubenförmigen, unkoordinierten Bewegungen meiner Arme und Beine einher. Außerdem habe ich Ataxie, wodurch mein Sprechen eingeschränkt ist.

Frida: Athetose ist eine Behinderung aufgrund eines Sauerstoffmangels nach der Geburt. Julius ist gesund auf die Welt gekommen, aber nach 24 Stunden wurde er tot gefunden. Er wurde dann reanimiert, weil er keinen Sauerstoff mehr hatte. Das motorische Zentrum und das Kleinhirn sind dadurch betroffen.

Julius: Das Großhirn aber auch. (lacht)

 

blank: Was sind deine Hobbies und Leidenschaften?

Julius: Frauen sind meine Leidenschaft. Das war bloß ein Scherz. Ich spiele Schach und lese sehr gerne. Außerdem gucke ich viel Fußball. Früher habe ich auch in einer Hockeymannschaft gespielt.

Frida: Er war in einer integrierten Schule für Körperbehinderte und war dort in der Hockeymannschaft der Torwart. Es gibt sogar eine Nationalmannschaft für Rollstuhl-Hockey.

 

blank: Wie und wo wohnst du hier in Passau?

Julius: Im Studentenheim in der Donauschwabenstraße.

Frida: Das ist ein großes Studentenheim und dort gibt es zwei barrierefreie Wohnungen. Da hatten wir Glück, dass wir die Wohnung gefunden haben, denn es gibt sehr wenig barrierefreie Wohnungen.

 

blank: Hast du das Gefühl, dass du hier an der Uni gut aufgenommen wirst, oder denkst du manchmal, dass du schief angesehen wirst?

Julius: Die Frage ist schwer. Du musst dir vorstellen, man sieht hier so viele Jugendliche und dann kommt ein Behinderter. Natürlich gucken sie einen schief an, das ist klar, würde ich auch machen. Ich habe da aber kein Problem damit. Also ich habe schon das Gefühl, dass ich gut aufgenommen werde, aber die Jugendlichen haben zu wenig Neugier, ich werde noch zu wenig gefragt. Viele haben eine zu große Scheu, aber vielleicht kommt das ja noch. Das einzige Problem ist beispielsweise, dass ihr abends weggeht und ich da nicht reinkomme, da fühlt man sich schon ausgegrenzt.

blank: Wie laufen bei dir die Prüfungen ab?

Julius: So wie bei allen Studenten, nur dass ich einen Nachteilsausgleich und dadurch mehr Zeit bekomme. Ich bin aber in einem Extraraum, weil ich der Assistenz die Antworten diktieren muss und die Lautstärke die anderen stören könnte.

Frida: Dabei helfen ihm die Studenten, die sich über die Abteilung „Studieren mit Behinderung“ gemeldet haben. Die schreiben auch während der Vorlesungen mit dem Laptop für ihn mit. Weil er das nicht kann.

Julius: Ich kann das schon.

Frida: Ja du kannst das schon, aber das dauert dann drei Stunden. (lacht)

 

blank: Wie findest du die Barrierefreiheit an der Uni und allgemein in der Stadt?

Julius: In der Uni ist die Barrierefreiheit gut. Wenn ich irgendwo mal nicht reinkommen sollte, hilft mir jemand. In der Stadt geht es aber dann los. Ich komme in kein Café, in kein Restaurant und in keine Disco. Das muss man in der Stadt wirklich ändern.

 

blank: Was sind deine privaten und beruflichen Ziele und Wünsche?

Julius: Privat, oh Gott. Vielleicht will ich mal heiraten, aber ich will keine Kinder. Beruflich will ich auf jeden Fall als Journalist in einer Redaktion arbeiten. Dort will ich in das Sport- oder Politik-Ressort. Das war von Anfang an mein Wunsch. Aber nicht bei der BILD-Zeitung. Beim Fernsehen zu arbeiten würde schwer werden – wenn die Zuschauer mich sehen, schalten sie nach drei Minuten ab, weil mich keiner versteht.

 

blank: Frida, Sie sind in jeder Vorlesung und Veranstaltung dabei. Wie ist es für Sie in der Uni?

Frida: Es ist super, ich fühl mich sehr wohl hier. Es ist alles so interessant und immer gut, neue Sachen zu lernen. Das Ambiente erinnert mich an meine Zeiten. Natürlich ist das alles neu mit den digitalen Medien, da kenne ich mich nicht aus. Ich sehe mich als Gasthörer oder freier Student hier.

 

blank: Was wünschen Sie Ihrem Sohn für sein Studium und seine Zukunft?

Frida: Dass er später seinen eigenen Weg findet. Ich begleite ihn jetzt noch und dann muss er selber schauen. In seiner Nähe werde ich immer sein, aber nicht mehr ganz so nah wie jetzt. Für Behinderte gibt es ja Gott sei Dank viel Hilfe und Unterstützung. Ich wünsche mir, dass er immer so lustig bleibt und seinen Humor nie verliert. Dass er alle seine Wünsche erfüllen kann und glücklich ist, so wie er ist. Er hat kein Problem mit seiner Behinderung und das soll auch so bleiben.

2 Responses

  1. Simone

    Ja, da kann ich Peter nur zustimmen! Wo kann man sich denn melden, wenn man sich bei „Studieren mit Behinderung“ engagieren möchte?

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.