Ein Kommentar.

Es passiert selten, dass Fußballer sich auf ein Interview einlassen, welches im Inhalt nicht von den Worten eines Beraters geprägt ist. Wenn dies doch geschieht ersetzen Emotionen häufig das sportlich Erreichte. Per Mertesacker, ehemaliger Nationalspieler und Innenverteidiger beim FC Arsenal London, gab vergangene Woche ein solches Interview für den SPIEGEL – und sprach von den Schattenseiten des Geschäfts Profifußball.

„Es geht null mehr um Spaß, du musst abliefern, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist.“ Mit deutlichen Worten blickt der 33-Jährige im SPIEGEL-Interview auf seine bisherige Karriere zurück, welche im kommenden Sommer ein Ende nehmen soll. Immer wieder hatte sich der gebürtige Hannoveraner vor wichtigen Spielen übergeben müssen, litt unter Leistungsdruck und den hohen Erwartungen. Auch bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland konnte Mertesacker die Atmosphäre nicht genießen und spricht heute von einem „unmenschlichen“ Druck, der auf ihm und der Nationalmannschaft lastete. Die in der vergangenen Ausgabe des SPIEGELs veröffentlichte Offenbarung schlug hohe Wellen, viele Stimmen kreierten durch ihre Häufigkeit jedoch ein klares Bild: Verständnis. Mertesacker wurde vermehrt gelobt für die starken Worte, viele Personen sprachen ihm Mut und teilweise sogar Dankbarkeit zu, Dankbarkeit für dieses ehrliche Geständnis.

Die vielen positiven Reaktionen zeigen, dass die Mehrheit der Fußball-Interessierten und Fußball-Involvierten die Menschen hinter den dreistelligen Millionenbeträgen nicht vergessen haben. Sie zeigen, dass neben dem immer größer werdenden Wirtschaftszweig durchaus Platz ist für Empathie. Nur eben nicht bei jedem. Ex-Nationalspieler und Fußballikone Lothar Matthäus äußerte sich extrem kritisch gegenüber dem Interview. Nationalmannschaft würde man schließlich freiwillig spielen, so der 56-Jährige. Lothar Matthäus – war da nicht was? Genau. Auch Lothar Matthäus berichtete in seiner Biografie von Situationen seiner Karriere, in welchen ihm der Druck zu groß wurde. So lehnte er es ab im Pokalfinale 1984 einen Elfmeter zu schießen, zu erdrückend waren die Erwartungen die sein damaliger Trainer Jupp Heynckes auf ihn setzte. Auch in Interviews wirkte der damalige Nationalspieler häufig gereizt und ließ sich von Reportern nicht selten zu ungehemmten Wutreden provozieren – und das vor über 30 Jahren. Heute spielen Profifußballer in einer anderen Liga. Mehr Einsätze und Zuschauer, ständige Überwachung durch modernste Kameratechnik und nicht zuletzt die enormen finanziellen Möglichkeiten der Vereine und Verbände haben aus dem Sport längst ein System werden lassen, welches den Spielern einen hohen Standard ermöglicht – aber eben auch den Druck ins Unermessliche steigen lässt.

Lothar Matthäus scheint seine Vergangenheit und die Geschichte des deutschen Fußballs vergessen zu haben. Vor nicht einmal neun Jahren, am 10. November 2009, nahm sich der unter Depressionen leidende Fußballtorwart und Nationalspieler Robert Enke das Leben. Fußballdeutschland versprach damals: So etwas wird nie wieder passieren. Vereine setzten vermehrt auf Psychologen, Medien gestanden sich durch teils harsche Kritik an Sportlern eine Mitschuld ein. Und heute? Heute spricht sich ein Mann, der dieses System (neben dem der Eheschließung) eigentlich optimal kennen sollte, gegen ein zutiefst ehrliches und wichtiges Interview aus. Nicht jeder also hat verstanden, dass Außenstürmer, Innenverteidiger und Torhüter Menschen sind, die ganz unterschiedlich auf verschiedene Drucksituationen reagieren. Um dieses Verständnis gesellschaftlich zu erreichen braucht es mehr Menschen von der Sorte Mertesacker – und weniger von der des Lothar Matthäus.

Per Mertesacker by Ronnie Macdonald, (CC BY 2.0)

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