Die besinnliche Weihnachtszeit – für viele die schönste Zeit im Jahr, eine Zeit zum Energie tanken bevor der Prüfungsstress losgeht, nochmal mit allen Freunden gemütlich zusammen sitzen und weihnachtliche Leckereien genießen. Es ist aber auch die Zeit der Nächstenliebe – anderen Menschen eine Freude zu machen, kann das schönste Geschenk sein. Ein besonders inspirierendes Beispiel für Nächstenliebe ist Stella Deetjen, Gründerin und Projektleiterin der Hilfsorganisation „Back to Life“ mit Projekten in Indien und Nepal.

IMG_7272

World Hope Award Trägerin Stella Deetjen mit einem ihrer Schützlinge in Mugu (Copyright: Back-to-life.org)

Zufriedenheit und gleichzeitig so viel Kraft strahlt sie aus, als die Kamera auf Stella Deetjen ruhen bleibt. Ihr Lächeln wirkt echt und ihre großen blauen Augen scheinen zu leuchten, als sie wieder, wahrscheinlich zum 1000.Mal, von den Anfängen ihrer Organisation „Back to Life“ zu sprechen beginnt. Dieses Mal war die große, schlanke Schönheit mit den auffallenden, blonden Dreadlocks zu Gast in der Talkshow „Kölner Treff“, um auf ihre Projekte aufmerksam zu machen. „Ich würde ja gerne viel mehr über meine aktuellen Projekte sprechen, aber die Menschen fragen immer wieder nach den Anfängen.“ Man kann es ihnen nicht verübeln, die Anfänge der 1970 geborenen Tochter einer Oberstudienrätin am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium in Bad Homburg und eines Anwalts lesen sich wie ein gutgeschriebenes Drehbuch – geschrieben vom Leben selbst.


Die Reise beginnt
Mit Abitur und einer Musicalausbildung in der Tasche will die 24-Jährige eigentlich nach Rom, um Fotografie zu studieren. Bis zum Beginn des Studiums ist aber noch Zeit, also packt sie ihren Rucksack und macht sich allein auf den Weg nach Nepal. Auf ihrer Reise durch Nepal, Indien und Tibet macht sie Halt in der heiligen Stadt des Lichts – Benares. Zu Tausenden strömen die Menschen hierher. Die Stadt scheint vor Touristen, Pilgern und Bewohnern zu bersten. Unter den Bewohnern lebt auch eine Gruppe von Menschen, denen der Titel Mensch abgesprochen wurde, sie werden „Unberührbare“ genannt; außer zu betteln, ist ihnen nichts mehr geblieben. Es ist einer von ihnen, der die Hand reicht und der vor Bauchschmerzen gekrümmten Europäerin helfen möchte. Er ist alt, hat weiße Haare, ein Gesicht wie ein Löwe und seine Hände und Füße sind verstümmelt – er ist an Lepra erkrankt. Als sich Stella Deetjen später nach seinem Namen erkundet um ihm zu danken, sagt er die berührenden und zugleich schockierenden Worte: „Kind, warum möchtest du das wissen? Seit 14 Jahren hat keiner mehr nach meinem Namen gefragt!“. Rückblickend ist dieser Schock der Beginn ihrer Auseinandersetzung mit der Krankheit Lepra und der Beginn ihres ersten Hilfsprojekts. „Junge Menschen können sich das vielleicht gar nicht so vorstellen, sie hätten gleich das Handy gezückt und mal schnell „Lepra“ gegoogelt. Damals wusste ich nicht, dass Lepra heilbar ist, das erfuhr ich erst später. Heute schäme ich mich, dass ich nicht gleich stehen geblieben bin.“
In den folgenden Tagen lernt die junge Rucksackreisende die Schicksale der Erkrankten kennen. Diese sind überwältigt von ihrem Interesse. Freundschaften entstehen, sie nennen Stella „Tara Didi“ – große Schwester Stella. Als wenige Tage später Polizisten die leprakranken Männer mit Bambusstöcken auf einen Lastwagen treiben, ist ihre große Schwester vor Ort. Mit der Geschichte ihres eigenen Landes im Hinterkopf und angesichts der Todesangst in den Blicken der zum Abtransport bereitstehenden Männer, trifft sie eine folgenreiche Entscheidung – sie springt auf.

IMG_9261 b

Copyright: back-to-life.org

Ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt

Mit dem Ziel, ein zweites Standbein als Fotografin neben der Schauspielerei aufzubauen, startete sie ihre Reise, doch das Leben hat das überzeugendere Drehbuch und die Hilfe zur Selbsthilfe wird ihre Aufgabe – gewiss keine Leichte.
Für die Entscheidung, den ärmsten Menschen eine Chance zu geben, lässt sie das Studium in Rom und ihr vertrautes und sicheres Leben in Deutschland zurück und gründet ihre Organisation, die das Ziel im Namen trägt: „Back to Life – Zurück ins Leben“. Ihre Mutter und ihr Bruder stehen ihr tatkräftig zur Seite und bauen die Hilfsorganisation in Deutschland auf, um die notwendigen Spendengelder einzutreiben. Stella Deetjen bleibt in Indien, ohne Krankenversicherung, ohne Gehalt und steckt alle Kraft und Arbeit in die Hilfe vor Ort. „Das war schon hart. Wir arbeiteten dort mit todkranken Menschen und den schlimmsten Bakterien überhaupt. Das war auch keine Sozialromantik – alles was wir hatten, musste in Medikamente investiert werden.“
Die Dankbarkeit der Menschen in Indien gibt ihr die Kraft, auch durch die schwierigen Phasen zu kommen. Vorbild ist auch ihre Großmutter: „ Das war so eine starke Frau. Sie hat so viel durchgemacht – zwei Weltkriege – und ist trotzdem immer positiv geblieben. Wenn ich daran denke, glaube ich ganz fest daran, dass ich von dieser positiven Energie auch etwas geerbt haben muss.“

IMG_3689

Eine glückliche Mutter mit ihrem Neugeborenem – keine Selbstverständlichkeit in Mugu, dank der von „Back to Life“ gebauten Geburtshäuser nun möglich! (Copyright: back-to-life.org)

Happy End oder erst der Anfang?
Aus dieser Kraft heraus entstehen in den folgenden Jahren eine Straßenklinik in Indien, sowie Kinderheime und Schulen. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen wird sie 2009 auf die „Vergessenen Menschen“ aufmerksam. In der Bergregion Mugu leben ca. 55.000 Menschen, abgeschnitten von der Außenwelt, ohne Strom in mittelalterlichen Zuständen. Die Bergregion ist nur zu Fuß erreichbar oder aber mit dem Flugzeug auf einem Schotterfeld – allein bei der Beschreibung der Landung wird einem angst und bange. Mugu ist die einzige Region weltweit, in der Frauen früher sterben als die Männer. Die Mütter- und Säuglingssterblichkeitsraten sind mit die höchsten weltweit. Zu Beginn des Projekts lag die Lebenserwartung bei 44 Jahren. Grund sind nicht nur die mittelalterlichen Bedingungen, sondern auch der Glaube, dass Frauen, die bluten, unrein sind und den Zorn der Gottheiten auf das jeweilige Haus bringen. Daher müssen Frauen während ihrer Periode oder bei der Geburt das Haus verlassen und sich in den Wald oder in den Kuhstall zurückziehen. „Man kann den Glauben der Menschen nicht einfach beiseiteschieben, wenn man helfen will.“ Die Lösung stellten Geburtshäuser dar. Gerade konnte bereits das dritte Geburtshaus eröffnet werden.
Aus der Einzelkämpferin von damals ist längst eine Teamplayerin geworden. Rund 100 Menschen arbeiten an den Projekten in Indien und Nepal. Dabei verfolgt „Back to Life“ einen ganzheitlichen Ansatz in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. „Wichtig ist uns die Hilfe zur Selbsthilfe, wir wollen keine Abhängigkeiten schaffen.“
In Mugu gibt es beispielweise, im Rahmen des World Food Program, seit den 70 Jahren ein Projekt der UNO, dieses fliegt Reis ein, den sich dann die Bevölkerung vom Flugfeld abholt. Früher gab es in der Region vor allem den roten Reis, der zwar weniger schön, dafür aber sehr nahrhaft war. Da die Bevölkerung den weißen Reis aus dem World Food Program für den Besseren hält, wurde die eigene Ressource abgebaut und die Abhängigkeit wuchs dadurch.
Die Nepalprojekte von „Back to Life“ verfolgen einen anderen Ansatz. Sie starteten mit 5 Projektdörfern. „Ursprünglich war eine Laufzeit von 5 Jahren eingeplant, es umfasste Agrarplanung, Wasserregulation, Mikrokredite und Hygieneprogramme, wie Toilettenbau. Die Leute haben uns sehr überrascht und haben ihre Chance mehr als ergriffen. Statt der fünf Jahre waren wir in drei Jahren durch. Das war unglaublich.“ Heute erreicht „Back to Life“ von 55.000 Menschen 20.000 – ein Drittel des Gebiets. Zielvorstellung ist, das ganze Gebiet zu erreichen, was jedoch immer mühsamer wird, da es nicht mehr fünf bis sechs Stunden dauert, die Dörfer zu erreichen, sondern bis zu drei Tagesmärsche, eine logistische und spendenbedürftige Herausforderung.


Medialität und Realität
Mit dem „World Hope Award“ den sie 2006 von Michail Gorbatschow überreicht bekam, erlangte sie internationale Aufmerksamkeit. „Dadurch änderte sich einiges. Bis dahin kannte ich den Spenderkreis persönlich durch die Vorträge, die ich in Deutschland hielt, dann kamen plötzlichen Spenden von überall und ich hatte zum ersten Mal eine Krankenversicherung.“
Mit dem Preis nahm auch das Interesse der Medien zu. So titelte das Magazin „Vogue“: „Der Engel von Benares“. Ein Titel der hinsichtlich ihres Engagements sehr passend erscheint, Stella Deetjen jedoch so gar nicht gefällt. Auch Vergleiche zu Mutter Theresa mag sie nicht. „Ich bin eine ganz normale Frau, ich habe ein Kind, bin unverheiratet und alleinerziehend. Ich mache vielleicht etwas, was ein Engel tun würde, aber ich bin es so gar nicht. Ich habe sogar noch mehr Ecken und Kanten durch Indien bekommen.“
Hier sieht sie vor allem auch die Schattenseite der Medien. „Je mehr man in den Medien steht, desto mehr haben Menschen die komische Erwartungshaltung, dass man perfekt sein muss.“ Auch den Umgang mit negativen Äußerungen oder Meinungen musste die Entwicklungshelferin lernen. „Das hält mich aber nicht von meinem Weg ab, mein Ansporn ist nicht, dass mich alle toll finden. Mein Ansporn ist, dass meine Projekte laufen und Erfolg haben – mein Spiegel sind die Menschen vor Ort.“
Ein Spiegelbild, das immer schöner zu werden scheint. Obwohl die Organisation in diesem mit einem tragischen Verlust zu kämpfen hat. Stellas Bruder, Wolf Deetjen, starb in diesem Jahr an den Folgen einer Hirnblutung. „Mein Bruder war mein bester Freund, er hat mit mir den Verein aufgebaut und hätte er nicht an mich geglaubt, hätte ich das gar nicht geschafft. Er war mein Anker, meine moralische Instanz.“ Derzeit lebt Stella, um ihrer Familie in dieser schwierigen Zeit nah zu sein, das erste Mal seit Beginn der Organisation wieder in Deutschland mit ihrem 15 Jährigen Sohn Cosmo und pendelt von hier nach Indien und Nepal.
Hört man die Geschichte von Stella Deetjen, fragt man sich unweigerlich nach der Quelle der Kraft. Warum macht jemand das alles? Die Antwort dieser inspirierenden Frau ist so einfach und gleichzeitig so stark: aus Liebe.

Du möchtest helfen oder mehr Informationen zu den Projekten von „Back to Life“ haben?
Besuche die Webseite: www.back-to-life.org
oder auf Facebook: www.facebook.com/BackToLifeOrg

IMG_7638

Hilfe zur Selbsthilfe aus Liebe zu den Menschen: Stella Deetjen – ein Stern der Hoffnung (Copyright: back-to-life.org)

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*