Detox. Was viele mit Grünkohlsaft und superschlanken Hollywood-Diven verbinden, ist im Prinzip gemacht für jedermann. „Entgiftung“ ist das deutsche Pendant. Dem Körper soll eine Auszeit von Schadstoffen und schlechten Angewohnheiten gegeben werden. Zu viel Zucker, Alkohol, Nikotin – all das belastet unser System und soll während einer Detox-Kur durch gezielten Verzicht in Verbindung mit viel Flüssigkeit und gesunder Ernährung wahre Wunder wirken.

Doch heutzutage bietet nicht mehr nur schlechte Ernährung Anlass für eine Auszeit und Entgiftung. Einige sehnen sich besonders nach Abstand vom Gift der digitalen Welt. Einfach mal nicht erreichbar sein. Kein ständiges Aufblinken des Bildschirms, kein regelmäßiges Klingeln oder Vibrieren. Aber wenn wir dann ehrlich zu uns sind, ist die Angst etwas zu verpassen deutlich größer und verdrängt die Sehnsucht sogleich wieder in die hinterste Ecke unseres Kopfes.

Ein Leben ohne Smartphone scheint für die meisten undenkbar – so eigentlich auch für mich. Apple bietet eine Funktion an, die uns daran erinnert, wie viel Zeit wir pro Woche vor dem Bildschirm sitzen – meine persönliche „Screentime“ betrug letzte Woche knapp 18 Stunden, davon verbrachte ich alleine acht Stunden in sozialen Netzwerken. Ob das nun viel oder wenig ist, darüber lässt sich wohl streiten, doch trotzdem steht für mich fest:

Ich will es wagen – eine Woche ohne Instagram, Snapchat, WhatsApp. Eine Woche offline. Eine Woche Digital Detox. Die nächsten sieben Tage will ich auf Soziale Medien und den übermäßigen Gebrauch meines Handys verzichten.

Es ist Sonntagabend, 23.56 Uhr. Ich trenne mein Smartphone von W-Lan und mobilen Daten, lege mich ins Bett und schließe die Augen. Mein Experiment beginnt.

Tag 1: Montag                     

Der Tag beginnt mit dem Klingeln meines Handyweckers (ja, ziemlich ironisch, ich weiß). Ich schalte ihn aus und lege mein Smartphone bedacht zur Seite. Normalerweise würde ich jetzt erstmal meinen Instagram Feed checken oder auf Nachrichten antworten, wie wohl so ziemlich jeder von uns. Heute stehe ich direkt auf. Ich mache mir Frühstück und setze mich. Aber irgendwie fühlt sich die Hand, die sonst zu dieser Zeit mein iPhone hält, ganz leer an. Ich brauche eine Beschäftigung, die die morgendliche Neuigkeitenflut ersetzt. Und so entschließe ich mich, eine Einkaufsliste für heute zu schreiben – nicht wie sonst in meinen digitalen Notizen, sondern ganz oldschool auf einem Zettel. Als ich fertig bin, putze ich meine Zähne, packe mein Zeug und begebe mich auf den Weg zum Sport – mein Handy zurückgelassen auf dem Nachttisch.

Im Laufe des Tages denke ich ständig daran, mein Smartphone zu nehmen und es fällt mir schwer, dem Drang zu widerstehen. Kein Wunder, wenn es ständig in meinem Blickfeld liegt. Das Handy muss also weg. Ich befördere es  irgendwo hin, wo es unbemerkt ist.

Ich versuche mich abzulenken. Fange an meine Wohnung aufzuräumen, spüle ab, mache etwas für die Uni und wasche Wäsche. Ich fühle mich alt – und trotzdem auch irgendwie gut. Ich habe auf einmal so viel Zeit, dass ich nicht weiß wohin damit. Bevor ich zur Super-Mutti mutiere, schaue ich lieber ein wenig fern. Doch ich ertappe mich dabei, wie meine Finger suchend die Couch abtasten. Wo habe ich denn mein Ha… – oh.

Am Ende des heutigen Tages schaue ich auf meinen Bildschirm. 93% Akku. Das habe ich noch nie geschafft.

Tag 2: Dienstag

Erstaunt stelle ich fest, dass es mir schon wesentlich leichter fällt mein Bett zu verlassen ohne mich online auf den neuesten Stand zu bringen. Ich weiß, was auf mich zukommt und will versuchen es auch zu genießen.

Das Wetter ist toll. Ich beschließe, mich in die Sonne zu legen und mal wieder einem Buch zu widmen. Vor ein paar Monaten habe ich mit der Autobiografie von Michelle Obama begonnen. Bereits nach ein paar Seiten fällt mir auf, wie gut ich es finde. Doch ich mochte es auch schon, als ich damit angefangen habe. Warum also habe ich aufgehört? Meine Ausrede gleicht wohl der vieler anderer: „Ich habe gar keine Zeit zu lesen“. Schwachsinn. Ich verbringe einfach jede freie Minute am Handy.

(Das Buch der ehemaligen First-Lady ist übrigens wirklich sehr zu empfehlen – kleiner Tipp am Rande!)

Abends treffe ich mich mit der blank-Redaktion. Gemeinsam radeln wir zum Mostbauern. Tatsächlich ist es umständlich, dass ich meine Termine nicht mal kurz per WhatsApp klären kann. Jedoch versuche ich einfach, Treffpunkte im Vorhinein auszumachen und bei Planänderungen zu telefonieren. Funktioniert erstaunlich gut – ich bin positiv überrascht.

So lasse ich den Tag mit Freunden ausklingen – mein Smartphone vermisse ich nicht.

Tag 3: Mittwoch & Tag 4: Donnerstag

Die nächsten zwei Tage sollen sich als nicht allzu spannend herausstellen. Ich lese ein paar Kapitel, mache ein bisschen Hausarbeit und gehe in die Uni. Mittlerweile habe ich kein Problem mehr damit, mein Handy in der Tasche oder zuhause zu lassen. Aber als ich so in den Vorlesungen sitze und mich umschaue (für’s Schauen habe ich ja im Moment eine Menge Zeit), fühle ich mich doch ziemlich alleine auf meinem „Entzug“. Zwei Reihen vor mir sucht ein Mädchen nach irgendjemandem auf facebook. Ein paar Plätze weiter links scrollt ein Typ durch die neuesten Bilder auf Instagram und auch meine Freunde entsperren regelmäßig ihren Bildschirm. Nicht, dass ich besser wäre. Normalerweise würde ich es ihnen sicher gleichtun. Schließlich sind die 90 Minuten oft einfach leichter durchzustehen mit etwas Ablenkung. Doch ich besinne mich und halte auch Mittwoch und Donnerstag ohne Zugang zur digitalen Welt aus.

Allerdings habe ich den Entschluss gefasst, ab Freitagabend WhatsApp wieder zu benutzen. Nicht, weil ich es nicht mehr aushalte oder wahnsinnig vermisse, sondern schlicht und einfach weil es fast unvermeidbar ist. Am Dienstag habe ich noch stolz erzählt, wie leicht es sei, meine Termine im Vorhinein auszumachen – zu viel Enthusiasmus meinerseits. Ich fahre über das Pfingstwochenende nach Hause. Über meinen Freund erfahre ich, dass ein Kumpel am Freitag eine Grillparty macht. Natürlich gab es eine Gruppe auf WhatsApp, von der ich nichts mitbekommen habe. Mein Drang nach Information und Planung ist jetzt einfach zu groß.

Von Instagram, Snapchat und co. bleibe ich noch bis Sonntag getrennt.

Wochenende: Tag 5, 6, 7

Freitagmittag steige ich in den Zug Richtung München. Knappe zwei Stunden Fahrt liegen vor mir und ich zweifle schon früh, ob ich diese ganz ohne digitale Beschäftigungen aushalten kann. Meine Zweifel sollen sich bestätigen. Statt abends, schalte ich bereits nach zwanzig Minuten Zugfahrt meine mobilen Daten ein. WhatsApp öffnet sich mit 108 ungelesenen Nachrichten. Was habe ich versäumt? Meine beste Freundin erzählt, sie fahre spontan eine Woche nach Madrid, meine Eltern schicken Videos vom Schnorcheln im Meer und dann sind da noch unzählige der obligatorischen „Wo seid ihr?“ oder „Wann treffen wir uns?“- Nachrichten aus verschiedenen Gruppen. Ich habe also – entgegen meiner Vermutungen – nichts Weltbewegendes verpasst.

In München angekommen begebe ich mich fast unmittelbar auf den Weg zur angekündigten Grillparty. Bei Steak und Salat komme ich ins Gespräch mit den anderen Gästen und erzähle von meinem Detox. Irgendwie fühle ich mich dabei jedes Mal wie einer dieser Veganer, der jedem, der nicht gefragt hat, mitteilen muss, wie besonders er doch ist. Aber erstaunlicherweise kommt das Thema bei allen gut an. Wir diskutieren über Vor- und Nachteile und vergleichen unsere Bildschirmzeit. Ein Freund kommt dabei auf fast 70 Stunden die Woche (er rechtfertigt das mit Musik, die er ständig über YouTube laufen lässt). Ich bin trotzdem perplex – das sind immerhin fast drei volle Tage.

Das restliche Wochenende steigt mein Handykonsum bedauerlicherweise exponentiell an. Seitdem ich WhatsApp wieder benutze entsperre ich auch meinen Bildschirm wieder regelmäßig. Am Sonntag bin ich hin- und hergerissen. Ich freue mich auf meine Dosis digitales Gift, doch habe den Entzug auch genossen.

Und so geht mein Experiment zu Ende.

Fazit:

Die sieben Tage sind vorbei und wenn ich die Woche Revue passieren lasse, bin ich dankbar. Nicht, weil ich mich jetzt fühle wie ein neuer Mensch. Das hier soll keine Moralapostelansprache werden. Ich will niemandem erzählen, dass der Verzicht aufs Smartphone uns zu besseren Menschen macht. Aber gerade der Verzicht, lässt uns das zu schätzen wissen, was wir haben. Durch zahlreiche Apps wird unser Leben vereinfacht. WhatsApp ist dabei eine Bereicherung, auf die ich ungern wieder verzichten würde. Mal schnell ein Bild rüberschicken oder auf eine witzige Anekdote mit einem passenden GIF antworten – da kann keine normale SMS mithalten.

Das Abmelden von Instagram und Snapchat hat mir hingegen gut getan. Es war schön, sich einfach mal aus der digitalen Welt zurückzuziehen. Zudem konnte ich meine Umwelt tatsächlich viel aktiver wahrnehmen und bemerkte auch Dinge, die ich mit dem Gesicht gen Bildschirm wohl nicht entdeckt hätte.

         

Der Vergleich meiner Screentime erfüllt mich am Ende der Woche dann doch ein wenig mit Stolz (auch wenn mir die Zugfahrt am Freitag meine Graphik ziemlich versaut). Ich habe meinen Entzug mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht. Vielleicht hätte ich konsequenter sein können, vielleicht war es gut so wie es ist.

Und so bleibt mir zum Schluss nur übrig, meine Erfahrungen zu teilen und eventuell kann ich den ein oder anderen auch dazu bewegen, einmal den eigenen digitalen Konsum zu reflektieren oder sogar einen ganz persönlichen Digital Detox zu wagen.

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