Der geneigte Musik-Connaisseur kann mit Mainstream-Radiomusik üblicherweise so gar nichts anfangen. Kann man ihm auch beim besten Willen nicht verübeln. Die Charts werden einerseits dominiert von (etwas zu) selbstbewussten Rappern, die bestenfalls mit Schulhoflyrik von Money und Bitches erzählen, andererseits von deprimierten Singer-Songwritern, die dem Hörer mit simplen Beats unterlegt von ihrem Ex vorjammern – blutende Ohren. Trotzdem gibt es da hin und wieder Songs, die einem das Gefühl vermitteln, es könnte mehr dahinterstecken: Dieser Blog zeigt Bands, die jeder schon mal irgendwo gehört hat, die sich aber bei genauerer Betrachtung als echte Perlen entpuppen – garantiert nicht von David Guetta oder den „Chainsmokers“ gefeatured.

Total deep oder einfach nur edgy?

Twenty One Pilots (TOP) kennt der Radiohörer von Songs wie „Ride“ und „Stressed Out“, der Kinogänger von „Heathens“ aus dem Film „Suicide Squad“ (2016). Alles gute Lieder, keine Frage – wer sich aber intensiver mit dem Repertoire der beiden Jungs aus Columbo, Ohio befasst, entdeckt eine Band, die frei von Genrekonventionen und ohne Scheu vor schwierigen Themen einzigartige Musik macht.

„Schizophrenic Pop“ – So bezeichnen die 2009 gegründete Band selbst und ihre Fans, die „Skeleton Clique“, den Sound von TOP. Der Begriff passt nicht nur hervorragend zur Akustik, die teilweise sogar innerhalb der Songs plötzliche 180-Grad-Wendungen vollzieht, sondern auch auf die Texte, die sich hauptsächlich um die zersplitterte Gefühlswelt von Sänger Tyler Joseph drehen, dabei aber nie rein optimistisch oder pessimistisch sind und viel Raum für Eigeninterpretation lassen. Allein das Instrumentaufgebot der beiden ist beeindruckend: Frontmann Joseph singt, rappt, spielt Klavier, Bass, Synthesizer und Ukulele. Unterstützt wird er von Drummer Josh Dun, der notfalls auch mal zur Trompete greift. Viele der Tracks wechseln mittendrin von düster auf upbeat und happy (Ode to Sleep, Migraine), von Rap auf Electro (Heavydirtysoul), von Klavier auf Screamo (Goner, Car Radio) – die Musik ist extrem abwechslungsreich, keine zwei Songs klingen gleich und die Lieder werden auch beim hundertsten Anhören nicht langweilig.

 

Crowdsurfing mit Instrumenten: Twenty One Pilots´ Drummer Josh Dunflickr.com/Kmeron

 

My friends and I, we got a lot of problems

Auch textlich sind die Pilots verdammt stark: Die Lyrics sind düster und böse, aber nie ohne Hoffnungsschimmer und vollgestopft mit nachvollziehbaren Gedanken und teilweise genialer Metaphorik. Tyler Joseph singt von endlosen Grübelschleifen (Migraine, Ride, Car Radio), Suizidgedanken (Goner), Stimmen im Kopf (Heavydirtysoul), Zukunftsangst (Stressed Out) – klingt erstmal total down und negativ, in Kombination mit dem, im Kontrast zu den Texten, oftmals fröhlichen Sound geht das Konzept jedoch auf: Die Band bricht Tabus, spricht frei über Themen, denen die Leistungsgesellschaft größtenteils mit Skepsis und Ablehnung begegnet und normalisiert somit ein Stück weit Probleme, zu denen sich niemand gern bekennt. Diesen mutigen Schritt muss man den Twenty One Pilots hoch anrechnen. Der große Erfolg der Band beweist auch, wie viele Menschen sich in der Musik verstanden fühlen und wie wichtig es ist, ein Sprachrohr für Dinge zu bieten, über die sonst nicht gesprochen wird.

Sometimes, quiet is violent

Ein Beispiel für einen solchen Ausnahmetitel ist „Car Radio“ vom dritten Album, „Vessel“:  Über weite Teile nur von Klavier und Drums begleitet, erzählt Joseph vom Diebstahl seines Autoradios. Kein Refrain, einfache Melodie –  aber ein Song, der sich bis zum Ende immer mehr steigert und eindrucksvoll zwischen einer einfachen Story und existentiellen Fragen wechselt, ausgelöst von der Stille durch das fehlende Radio und den daraus resultierenden Gedankenschleifen.

In eine ähnliche Richtung schlägt „Goner“, der finale Track des aktuellen Albums „Blurryface“: Der Song beginnt langsam und ziemlich depressiv, Joseph sieht sich selbst als Todgeweihten für den eigentlich schon alles zu spät ist. Gegen Ende explodiert der Track förmlich und der Sänger brüllt einem die eigentliche Message entgegen: Ich bin zwar völlig kaputt im Kopf, aber ich will trotzdem verdammt nochmal weiterleben!

Dieser Stil zieht sich durch alle vier Alben der Pilots und macht sie zu einer echten Ausnahmeband. Ohne Konventionen, Ohne Kompromisse, unvorhersehbar und damit eigentlich so überhaupt nicht radiotauglich – aber gerade deswegen eine der ehrlichsten und echtesten aktuellen Bands.

Unbedingt anhören: Car Radio, Goner, Not Today, Migraine, Implicit Demand For Proof, Polarize

 

Titelbild: flickr.com/Kmeron

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